Zurüruck zum Inhalt

“katholischerseits nicht möglich” (2)

Zur Kommunikationspolitik des Bistums und der Bistumspresse über die Stellungnahme von Bischof Ulrich zur jüngsten Note der Glaubenskongregation zur Frage der Segnung homosexueller Beziehungen

Am Samstag hatte ich angekündigt, mich nach den Hintergründen der eigentümlich “verhaltenen” Verbreitung, bzw. eben Nicht-Verbreitung des Statements von Bischof Ulrich zur jüngsten Antwort der Glaubenskongregation auf die Frage der Möglichkeit der Segnung homosexueller Beziehungen erkundigen zu wollen, und dann hier wieder zu berichten.

Das habe ich getan und habe von allen Angeschriebenen zügig Antwort erhalten, was ich überaus zu schätzen weiß; vielen Dank! 

Aber bevor wir dazu kommen, muß ich doch zuerst meiner Freude Ausdruck verleihen, daß heute auch der englischsprachige internationale Zweig der CNA (Catholic News Agency) unter den sieben deutschen Ordinarien, die den Inhalt der Note bestätigt haben, gleich zwei “Thüringer Bischöfe”, nämlich U. Neymeyr und W. Ipolt (der, wie PuLa-Leser ja ohnehin wissen, aus Gotha stammt) aufzählt, hier!

Und da die, glaube ich, bei CNA-Deutsch eher weniger Thüringer Zeitungen lesen 😉 , ich aber auf Twitter natürlich darauf bedacht gewesen bin, in meine Tweets über die gute Nachricht, auch den Chefkorrespondenten von CNA-Deutsch einzubeziehen (zu “verhandlen”, wie wir Twitterati sagen 😎 ), denke ich, diese Berücksichtigung geht auf PuLa zurück.
Aber wie auch immer, eine richtig gute Sache, oder? Wo doch die Kirche in Deutschland gerade international derart (berechtigt) ‘schlechte Presse’ hat! 🙂 

CNA International, 30. März 2021 (Screenshot 30_3_2021)

Nun aber zu der Frage, wie es kam, daß die Stellungnahme unseres Bischofs es weder auf die Homepage des Bistums, noch in den ‘Tag des Herrn’ geschafft hat.

Zunächst hat sich meine am Wochenende geäußerte Vermutung bestätigt: Die Positionierung geschah auf Anfrage des Journalisten Hanno Müller (hm) hin, der den Artikel in den Funke-Blättern geschrieben hat.

Und dieses Papier lag, nach den insoweit übereinstimmenden Antworten sowohl der Online-Redaktion des Bistums (Frau A. Wilke), als auch den für das Bistum Erfurt zuständigen Redakteuren (vertretungsweise M. Holluba) zu Redaktionsschluß für die letzte Ausgabe (Nr. 12 v. 28. März) nicht vor, bzw. es wurde nicht an sie zur Veröffentlichung weitergeleitet.

Ich möchte es mir an dieser Stelle versagen, über die inhaltlichen oder/und die strukturell-organisatorischen Gründe zu spekulieren, die zu dieser Nicht-Berichterstattung geführt haben (obwohl ich nicht der einzige bin, dem das aufgefallen ist, und der sich Gedanken dazu macht) aber ich muß schon sagen, daß ich es sehr unbefriedigend finde.

Um auf den Beginn dieses kurzen Beitrags zurückzukommen: Was katholischen Journalisten wichtig genug ist, weltweit darüber zu berichten, daß ein Viertel der deutschen Bischöfe sich öffentlich zu ihrer Treue zum römischen Lehramt bekannt hat (und dreiviertel nicht…), und wie diese sieben heißen, soll, nein muß das nicht “in der Nähe” erst recht berichtet werden? 

Ich finde, hier gibt es eine sehr, sehr eindeutige Berichts-Pflicht, sowohl der Bistumspresse, als auch der bistumseigenen Kommunikationswege und ich hoffe sehr, es wird nachgeholt werden!

Bis dahin aber wissen Sie ja, wie seit nun schon 10 Jahren, warum Sie PuLa lesen, nicht wahr? 😉

Gereon Lamers 

“katholischerseits nicht möglich” (1)

Bischof Ulrich zur jüngsten Note der Glaubenskongregation zur Frage der Segnung homosexueller Beziehungen und die Berichterstattung dazu

Bekanntlich erzeugt die jüngst (19. März) bekanntgemachte Antwort der Glaubenskongregation mit Datum vom 22. Februar (Cathedra Petri) auf die an sie ergangene Frage, ob es der Kirche möglich sei, homosexuelle Lebensgemeinschaften zu segnen, in Deutschland und manchen anderen Ländern einige Aufregung. Sie finden den Text hier und ich kann nur dringend empfehlen, erst zu lesen und dann das Reden darüber anzufangen…

Römisches Responsum (Screenshot, 27.März 2021)

Ich möchte aber hier auf den Inhalt gar nicht eingehen, erstens, weil ich ihn für banal halte und zweitens, weil schon genug darüber geschrieben wurde und noch wird und schließlich, weil PuLa ja bekanntlich nach wie vor seine regionale Schwerpunktsetzung verfolgt. 

Aber es tut sich interessantes in der Frage der Aufnahme des Schriftstücks.
Die Reaktionen der deutschen Bischöfe darauf sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von einem sinngemäßen: “Wir hatten zwar nicht um eine Aussage gebeten und finden, sie kommt zur Unzeit, aber wir reden trotzdem demnächst mal drüber” (u.a. Bischöfe Bätzing, Dieser, Timmerevers) bis zu “Danke!, das ist, was wir ja schon immer gesagt haben”  (u.a. Bischöfe Voderholzer, Oster, Ipolt).

Nach jetzigem  Stand (27. März, abends) weiß ich von sieben deutschen Ordinarien, die, wenn auch mit teils unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen, alle den Kerngehalt des Responsiums bekräftigen: “Es geht einfach nicht”.

Und zu diesen sieben Bischöfen, die das Selbstverständliche aussprechen, gehört erfreulicherweise auch der Ordinarius unserer Diözese, Bischof Dr. Ulrich Neymeyr.
So stand es an Mariæ Verkündigung in den Thüringer Zeitungen der Funke-Mediengruppe; wir haben es in der Thüringischen Landeszeitung gelesen:

TLZ vom 25.03:2021, Seite 2 (eigenes Bild)

Sie finden, das ist jetzt aber auch banal? Soweit ja. Aber was verblüfft, ist, die Aussage findet sich nur dort, in der Zeitung. Kein Wort davon auf der Bistumshomepage, kein Wort in der heutigen Bistumspresse, dem ‚Tag des Herrn‘!
Man muß also annehmen, daß die Stellungnahme von Bischof Ulrich direkt auf eine Anfrage der Zeitung hin erging. Danach habe ich heute den fraglichen Journalisten um Auskunft gebeten.

Aber das hätte ja einen Hinweis auf den beiden anderen Kanälen nicht unmöglich gemacht, für die der Nachrichtenwert ja erheblich wäre!
Warum das nicht geschehen ist, habe ich den Pressesprecher des Bistums und den für Erfurt zuständigen Redakteur der Kirchenzeitung (Tag des Herren) ebenfalls gefragt.
Dazu muß man wissen: Die „natürlich“ ablehnenden Positionierungen des regionalen „BDKJ“ und des „Katholikenrats“ haben es hingegen beide in die Zeitung geschafft, diejenige der Jugendorganisation auch auf die Homepage!
Wenn mir Reaktionen vorliegen, werden wir hier erneut berichten.

Bis dahin arbeiten wir ja aber auch noch auf der Social-Media-Ebene. Sollte es am Ende irgendjemandes Absicht gewesen sein, die Meldung möglichst “klein zu halten”, das war wohl nichts: 😉

Twitter-Account @gglamers (Screenshot, 27.3.2021, 21.57 Uhr)

Gereon Lamers 

„Wer ermahnt, ermahne weiter“ (Röm 12,8)

Zehn Jahre „Pulchra ut Luna. Katholisch in Weimar“

Ich hätte nicht gedacht, daß ich hier einmal etwas von Lothar Zenetti zitieren würde. Aber die folgenden, von Konstantin Wecker vertonten wenigen Zeilen sind einfach das Lied zu zehn Jahren PuLa: „Was keiner wagt“. Deshalb: Enjoy 🙂 !

Tja – zehn Jahre PuLa. Und über die Hälfte dieser Zeit ist seit dem Wechsel in der Gemeindeleitung und dem Wegfall der „Gemeindeleitung“ (wenn auch leider nicht dem Wegfall ihrer anonymen, aber eindeutig zuordenbaren Briefe) vergangen. Nach meiner Erinnerung machte sich in Herz Jesu Weimar damals zunächst eine unglaubliche Euphorie, nach etwa einem halben Jahr aber eine ziemliche Depression breit. Als sich nämlich zeigte, wie wenig sich ändert, wenn der Bischof lediglich dem Pfarrer nahe legt, sich eine andere Aufgabe zu suchen.

Zu dem Zeitpunkt habe ich begriffen, wovon Paulus im Römerbrief spricht: Ich habe verstanden, was sie ausmacht, diese „Gabe der Mahnung“, die als eine der Gnadengaben Gottes für einzelne Glieder des einen Leibes in Christus, der die Gemeinde ist, zugeteilt wird. „Wer ermahnt, ermahne weiter“, heißt es in Röm 12,8. Und das ist nicht einfach, und nicht alle sind dazu bereit oder in der Lage. Denn natürlich gilt: Meckern kann jeder. Aber Ermahnen, das erfuhren wir, ist eben nicht mitmeckern, wenn seit Jahren alle einer Meinung sind, was sich ändern muß. Ermahnen ist, weiter den Finger in die Wunden zu legen, die in diesem einen Leib schwären – auch wenn gerade überhaupt niemand (man selber eingeschlossen) mehr Lust hat, sich immer noch weiter damit zu befassen und immer weiter Probleme zu wälzen. Aber es half nichts: Nie habe ich mich meiner Texte geschämt – außer einzelner, die in dieser zweiten Jahreshälfte 2016 entstanden und in denen ich alles weichspülte, was mir auf dem Herzen lag, in der Hoffnung, durchs Nicht-Schreiben bessere sich irgend etwas von selber und wir müßten nur zuwarten.

Nichts bessert sich von selber! Und so mahnten und mahnen wir weiter mehr Austausch innerhalb der Gemeinde an, eine Aufarbeitung dessen, was geschehen ist, eine Wertschätzung Professor Kapsners als dessen, dem Herz Jesu Weimar die Franz-Liszt-Gedächtnisorgel verdankt, ein Hinschauen auf die Pfarrjugend, eine Förderung von Kinderprojekten und so weiter und so weiter. Einer der Textzyklen, die nach langem langem Nachdenken und Durchleiden entstanden sind, ist die siebenteilige Reihe, die mit „Also: Weimarer überschrieben ist und deren erster Teil am 3. Oktober 2020 zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung gepostet wurde.

Da ich ja auch nur in einer Pfarrei lebe, stellt sich für mich immer die Frage: Sind die Verhältnisse in Herz Jesu Weimar einzigartig, oder sind sie typisch? Thematisieren sollte man sie auf jeden Fall – denn sind sie einzigartig, sollte man sie bekannt machen und schauen, was passiert. Sind sie typisch, sollte man die heimischen Erzählungen als eigenen Anteil an der Veränderung der Kirche in Deutschland erst recht beisteuern. Schon vor September 2015 (dem Amtsantritt des derzeitigen Pfarrers) erhielten wir, auch per Email, beispielsweise auf die Sketche immer wieder Zuspruch, der uns zeigte, daß in der literarisch überhöhten und entpersonalisierten Darstellung typischer Gegebenheiten unseres eigenen kirchlichen Umfeldes andere die Verhältnisse in ihrer eigenen Pfarrei wiedererkannten.

Ein solcher Widerhall fand sich auch für die „Also: Weimarer“-Reihe. So problematisierte die bereits vor zehn Jahren von Frau Prof. Widl diagnostizierte und von mir zitierte Clanstruktur der Gemeinden gerade auf dem Gebiet der ehemaligen DDR auch der Pirnaer Gemeindereferent Benno Kirtzel in seinem Artikel „Das Ende des Erbens“ (Tag des Herrn Nr. 43 vom 25. Oktober 2020, S. 9, online hier).
Per Email erhielt ich Rückendeckung aus einer weiteren großen Pfarrei unseres Bistums: „Deine Reihe zu ‚also: Weimarer‘ habe ich mit Spannung verfolgt. Die Parallelen zu *** sind frappierend, auch wenn es gewichtige Unterschiede gibt“, schrieb der betreffende Insider und schilderte mir im folgenden die konkreten Gegebenheiten in der eigenen Pfarrei.

Auch wenn derzeit, da nirgendwo irgendetwas stattfinden oder geplant werden darf, allgemein theologische, musikbezogene oder kulturgeschichtliche Texte verstärkt auf PuLa zu lesen sind, werden wir uns die Wachsamkeit zu erhalten versuchen, um der Gabe der Mahnung im Sinne des einen Leibes in Christus, dessen Glieder wir sind, auch weiterhin gerecht zu werden.

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Und wenn mir mal einer gesagt hätte, ich würde ein Video mit Konstantin Wecker posten… Aber, wie ich eben erst geschrieben habe: Live and learn!

GL

Pulchra ut Luna: Die ersten zehn Jahre

“Katholisch in Weimar”, 26.3.2011 – 26.3.2021

Vor ein paar Tagen hatte ich es, ein wenig versteckt, schon angekündigt, daß der heutige 26. März ein besonderer Tag für diesen Blog ist: Denn heute vor genau 10 Jahren ging PuLa mit einem Video von Pater Karl Wallner zum ersten Mal online.
Und auch wenn ich kein besonderer Freund von Jubiläen bin (also, außer Heiligentagen, natürlich! 😉 ), ein paar persönliche Worte, verbunden mit einer Ankündigung, sind wohl doch am Platze.
Und da wir hier zu zweit, als Ehepaar, bloggen (was, wenn ich es richtig sehe, ein Alleinstellungsmerkmal von PuLa ist), wird Cornelie im Laufe des Abends auch noch etwas schreiben.
Ich will versuchen, mich kurz zu fassen – obwohl das nicht ganz leicht ist!

PuLa begann, und es hat überhaupt keinen Zweck, darum herumzureden, in einer Situation der Auseinandersetzung, einer Auseinandersetzung, die sehr schnell in eine handfeste Konfrontation eskalierte.
Das war nicht unsere Absicht gewesen, als wir den Blog aufsetzten, der zwar unsere (näherhin meine) Idee war, aber eigentlich nicht unsere Initiative! Vielmehr handelte es sich um eine Art Notwehr, wollten wir versuchen dazu beizutragen, etwas zu tun, gegen das, was uns von etlichen Freunden aus der Pfarrei immer wieder erzählt wurde.
Und das war unter den damaligen Bedingungen nur so, also quasi “privat”, möglich, denn alle Pfarrei-internen Möglichkeiten, sich auch nur halbwegs offen zu äußern, waren in einer Art und Weise “unter Kontrolle”, daß es zu nicht mehr, als dem (mindestens) allsonntäglichen kollektiven Zähneknirschen, ob man denn “gehört habe, was nun schon wieder passiert” sei, reichte – das vollständig resonanz- und auswirkungslos blieb!

So konnte es nicht weitergehen. 

Allein, was als Anstoß und Hilfe zu einem Dialog gedacht war, es wurde, und das ist dieses eine Mal keine melodramatische Übertreibung, von Anfang an gnadenlos bekämpft.
Die Verleumdungen, Anfeindungen und versuchten Rufschädigungen waren von einer Perfidie und nahmen bald ein Ausmaß an, das wir uns nicht hatten vorstellen können; besonders nicht in einer christlichen Gemeinschaft.
Ohne hier in Einzelheiten zu gehen, es ist schon bemerkenswert, als “Schädlinge” bezeichnet zu werden, etliche anonyme Briefe und Telefonate zu erhalten, die unverblümt dazu auffordern, doch “die Gemeinde endlich zu verlassen” und sich zu Briefen an den Landtagspräsidenten, den Ministerpräsidenten und den Bischof (ja, wirklich, an diesen Personenkreis!) verhalten zu müssen, in denen nichts weniger als meine Entfernung aus dem Landesdienst und damit der wirtschaftliche Ruin der ganzen Familie gefordert wurde.

Aber das war nicht das Schlimmste.

Das kam, als einzelne verhetzte Gemeindemitglieder sich nicht entblödeten, die Beschimpfungen auch auf unsere Kinder auszudehnen. Diese Zeiten waren hart. Neben der unmittelbaren Sorge war natürlich der Gedanke schrecklich, was diese Erlebnisse wohl für die langfristige Kirchenbindung unserer Töchter bedeuten möchten!

Derweil kam das Jahr 2015 und mit ihm eine Veränderung in der Person des Pfarrers. Weil es immer noch und immer wieder falsch dargestellt wird: Wir haben die Ablösung des damaligen Amtsinhabers weder jemals gefordert, nicht öffentlich und nicht intern (was “Erfurt” damals öffentlich bestätigt hat), und wir haben sie auch nicht gewollt. Der einzige, der dazu etwas zu sagen hatte, unser (damals ganz neuer) Bischof, hat so gehandelt, wie er es als Ausfluß seiner Hirtensorge für unerläßlich hielt. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Es kam schließlich auch in einer wunderbar ironischen Art und Weise zu einem Wechsel in der Besetzung des Kirchenvorstands und damit zu einer wirklichen Veränderung.

Daß diese nach unserem Verständnis nach wie vor nicht weit genug geht, daß nach wie vor die zwingend notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit aussteht, dazu hat Cornelie erst kürzlich viel geschrieben und wird es in ihrem Beitrag zu zehn Jahren PuLa auch noch einmal erwähnen.

Ich möchte, wie angekündigt, darüber berichten, wie sich dieses Abenteuer auf uns, uns als Ehepaar, als Familie ausgewirkt hat und fange, oben anknüpfend, mit den Kindern an: Deren Bindung an und Liebe zur Kirche und die Selbstverständlichkeit, mit der diese Teil ihres Lebens ist, hat zu unserer großen Freude und noch größeren Dankbarkeit nicht nur nicht gelitten, nein, sie ist größer und auch “streitbarer” geworden. Diese zwei jungen Menschen ducken sich mit dem Ausdruck ihres Glaubens nicht weg und das hat vermutlich etwas damit zu tun, daß sie in (sehr) jungen Jahren erlebt haben, daß man das auch nicht muß, trotz Gegenwind.

Wir selbst aber haben im Lauf dieser völlig unerwartet vielen Jahre, in denen uns der Blog nun begleitet, auch nur “zugelegt”. An Erfahrung, an (Menschen-) Kenntnis und inhaltlichen Kenntnissen, an überraschenden, faszinierenden und andauernden neuen Bekanntschaften, ja, Freundschaften, an neuen Fähigkeiten sogar: Mir hat z.B. die Art und Weise, wie ich hier zu schreiben gelernt habe, in meinem Dienst schließlich sehr genützt (und nicht etwa geschadet 😛 ).
Vor allem anderen aber hat mit jeder neuen Notwendigkeit, z.B. wieder irgendeinen schnell daher geredeten Unsinn, weshalb wir die Bibel ja völlig falsch verstünden, zu widerlegen, nichts weniger als die Freude am Evangelium zugenommen, wurde die Klarheit und Größe des Denkens aus der katholischen Tradition offenkundiger und im Alltag hilfreicher und tröstlicher.
Und mit jedem Versuch, uns im wörtlichen Sinne aus der Kirche zu predigen (und es gab deren etliche) wurde die Bindung an die Liturgie, besonders natürlich die Feier des Hl. Meßopfers, nur enger und tiefer.

So wird es niemanden mehr verblüffen, wenn ich sage, die Haltung, mit der ich auf die 10 Jahre meines Lebens schaue, die tatsächlich zu einem wesentlichen Teil von diesem Blog und allem, was damit zusammenhängt, geprägt wurden, sie ist eine von tiefer und demütiger Dankbarkeit.
Von daher sollte auch klar werden, daß verschiedentliche Versuche bis in relativ jüngere Zeit, uns davon zu überzeugen, PuLa zu löschen (!) von vornherein zum Scheitern verurteilt waren und bleiben werden. Es käme einer Selbstverstümmelung gleich und wir können diese Ansinnen nur verzeihen, wenn wir davon ausgehen, daß die Betreffenden nicht zu begreifen in der Lage sind, was sie uns da zumuten wollen.

Vielmehr sind wir guten Mutes (und entschlossen!), daß sich PuLa weiter entwickeln wird, wie es das ja auch in der Vergangenheit getan hat. Persönlich hoffe ich z.B., daß, nachdem in den letzten Jahren Cornelie hier am meisten beigetragen hat, wieder mehr Beiträge von mir kommen können.
Also zusätzlich, nicht stattdessen!, keine Sorge 😉
Und wenn man sich den aktuellen Zustand der Kirche in Deutschland anschaut, dann gibt es ja an Themen wahrlich keinen Mangel, oder?
Übrigens, wer vielleicht Lust hat, sich je tagesaktuell gemeinsam mit mir damit zu beschäftigen, mein Twitter-Account ist auch wieder ziemlich aktiv. Sie finden mich dort als @gglamers und ich würde mich auch dort über Mitstreiter oder auch nur Beobachter sehr freuen.

Hier auf dem Blog aber werden wir es, um nun endlich auch zu der versprochenen Ankündigung zu kommen, mit den heutigen Beiträgen auch nicht sein Bewenden haben lassen!
Nein, wir werden ab kommender Woche ein Jahr lang wöchentlich (mindestens) einen alten, bzw. älteren aus den inzwischen deutlich mehr 1.000 Beiträgen erneut veröffentlichen und dabei jeweils eine (hoffentlich) kurze Einführung/Ergänzung aus heutiger Sicht schreiben, denn, offen gesagt, wir finden, es ist ‘nicht schlecht gealtert’, was wir bisher geschrieben haben 😎 , und die erneute Beschäftigung damit lohnt.
Wir hoffen sehr, Sie werden weiterhin dabei sein!

Gereon Lamers 

Das perfekte Datum

Zur Feier des Festes Mariä Verkündigung

Für Mariä Verkündigung haben wir uns nicht erst zu interessieren begonnen, als der 25. März 2010 im Libanon als staatlicher Feiertag eingeführt wurde. Schließlich hatte ich schon zwei Jahre zuvor als Teil der „Weltreise durchs Kirchenjahr“ das Stück zur Verkündigung des Herrn geschrieben. Aber anläßlich der Initiative von Scheich Noccari, mit diesem Nationalfeiertag zu Ehren der von Christen wie Moslems hochverehrten Maria den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Libanon zu stärken, begannen wir uns über Ursprung und Inhalt dieses Festes verstärkt Gedanken zu machen; besonders vor dem Hintergrund seines im Verhältnis zu Weihnachten so bescheidenen Begängnisses.
Hinzu kam, daß zufällig genau in diesem Jahr – 2010 – in unserer Pfarrei vergessen worden war, die Verkündigung des Herrn in der Gottesdienstordnung auch nur zu erwähnen. Wir regten daher eine Beschäftigung mit dem Fest und seinem Inhalt an und hörten bald seitens der von uns kontaktierten katholischen Bildungseinrichtung: Jaja! Aus den Reihen der Islamwissenschaftler habe man längst Referenten zum Thema gefunden. Aus den Reihen katholischer Gelehrter hingegen bisher nicht.

Was hat es mit diesem Fest und seiner unverzichtbaren inhaltlichen Ergänzung, der Heimsuchung auf sich, da seine Marginalisierung scheinbar auf so wenig Protest oder auch nur Unverständnis stößt? Sicher: Mariä Verkündigung fällt in aller Regel in die Fastenzeit (warum das im Prinzip sehr sinnvoll ist, werden wir noch beleuchten), zu der die Werktage von Aschermittwoch bis Karsamstag zählen. In dieser Zeit will man nicht feiern – weswegen der Gründonnerstag durch Fronleichnam ja auch eine gewichtige Ergänzung erfahren hat. Fällt Mariä Verkündigung auf einen Sonntag, ist es nicht relevant genug, um den Sonntag zu verdrängen. Sogar als das Fest 2008 auf den Osterdienstag fiel, war die – eigentlich die Fastenzeiten vor weltlichen (!) Festivitäten schützende – „geschlossene Zeit“ die Begründung dafür, das Fest nicht zu begehen. Also keine Chance.

Robert Campin (und Werkstatt), Der Altar v. Mérode, Verkündigungstryptichon, Mittelteil, vor 1430 (Wikimedia Commons, Google Art-Project)

Beinahe noch ärger ergeht es dem Fest Mariä Heimsuchung, dessen Feier man auf den 2. Juli geschoben hat und das wohl den meisten Christen hierzulande alljährlich durch die Maschen rutscht; wozu die völlige zeitliche Ablösung vom Anlaß des Festes einen Beitrag leisten dürfte. Denn woran erinnert das Fest Mariä Heimsuchung? An den Besuch Mariens bei ihrer Verwandten Elisabeth, zu der sie direkt nach der Verkündigung aufbricht. Und wie auch immer man sich die Wanderung des jungen Mädchens vorzustellen hat (die Abwertung bspw. des Protevangeliums des Jakobus zeigt, wie ungern gesehen wird, wenn ‚das Kirchenvolk‘ sich Gedanken über die konkreten Abläufe biblischer Geschichten macht – mögen diese Ausschmückungen auch tausend Jahre Kunstgeschichte begründet haben) – ob sie die locker 150 Kilometer von Nazareth bis ins „Gebirge von Judäa“ (Lk 1,39) tatsächlich ganz allein zu Fuß zurückgelegt hat oder ob es einen Wagen gab, der sie ein Stück mitnahm – bis nach der Niederkunft der Elisabeth (die wir am 24. Juni begehen) hat sie jedenfalls nicht gebraucht, denn deren Kind hüpft ihr bekanntlich im Leibe, als die Mutter ihres Herrn sie besucht.

Die Bewegung des Johannes bedeutet zweierlei: In Maria bewirkt die Begrüßung ihrer sehr viel älteren Verwandten, daß sie jetzt erst begreift, wie ihr geschehen und was ihr „Ja“ dem Boten Gottes gegenüber ausgelöst hat. Für uns lesende Zeugen beweist es, daß Christus in diesem Moment schon auf der Welt ist. Und so ist es kein Wunder, daß zwar die Verkündigungsdarstellungen der Kunstgeschichte von Kreuzen wimmeln, die der auf Maria herabschwebende Jesusknabe jeweils geschultert trägt, daß aber nur ausgefuchste Bilddeuter auf Anbetungsdarstellungen in einer etwaigen Verzahnung von Dachbalken des Stalles zu Bethlehem einen Hinweis auf das Kreuz und mithin die messianische Zukunft des neugeborenen Erlösers erkennen können.

Robert Campin (und Werkstatt), Der Altar v. Mérode, Verkündigungstryptichon, Detail (Wikimedia Commons, Google Art-Project)

Die Inkarnation des logos geschieht durch Marias „Ja“. Zur Verkündigung des Herrn, derer wir am 25. März gedenken, kommt Christus in die Welt. Um zu begreifen, was geschehen ist, braucht Maria den Besuch bei der Mutter Johannes des Täufers. Der Heilsplan aber ist abgeschlossen, als Gabriel Maria verläßt.

Also: Was für ein Datum! Was für ein Fest! Die Voraussetzung schlechthin für das Osterereignis! Keine Passion ohne Menschwerdung. Keine Geburt ohne Marias „Ja“ zur Empfängnis des Erlösers. So hält denn auch Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI. im Kapitel „Heilige Zeit“ seiner Einführung „Der Geist der Liturgie“ fest:

Im Johannesevangelium als der abschließenden Synthese des neutestamentlichen Glaubens steht die Inkarnationstheologie gleichrangig neben der Ostertheologie, oder besser: Inkarnationstheologie und Ostertheologie stehen nicht nebeneinander, sondern erscheinen als die zwei untrennbaren Schwerpunkte des einen Glaubens an Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes und Erlöser. Kreuz und Auferstehung setzen die Inkarnation voraus. Nur weil wirklich der Sohn und in ihm Gott selbst ‚herabgestiegen ist‘ und ‚Fleisch angenommen hat aus Maria der Jungfrau‘, sind Tod und Auferstehung Jesu Ereignisse, die uns allen gleichzeitig sind und die uns alle berühren, uns aus der vom Tod gezeichneten Vergangenheit herausreißen und Gegenwart und Zukunft eröffnen.

Komisch, daß man ein so wichtiges Datum aus einem getauften „sol-invictus“-Fest des römischen Reiches zurückgerechnet haben soll. Stimmt. Hat man aber ja offenbar auch nicht. Die Publikationen zum Weihnachtsdatum sind Legion. Hans Förster bspw. hat aus seiner Dissertation eine „Spurensuche“ zum Thema „Weihnachten“ extrahiert, nach deren Lektüre einem vor lauter antiken Namen, Daten und Berechnungen der Kopf brummt. Dennoch hält sich alljährlich die These von der Lichterfeier zur Wintersonnenwende hartnäckig in den Feuilletons. Doch offenbar ist es Zeit umzudenken. Noch einmal Ratzinger, „Der Geist der Liturgie“:

Die alten Theorien, der 25. Dezember sei in Rom im Gegensatz zum Mithras-Mythos oder auch als christliche Antwort auf den Kult der unbesiegten Sonne geformt worden, der von den römischen Kaisern im 3. Jahrhundert als Versuch einer neuen Reichsreligion gefördert wurde, lassen sich heute nicht mehr halten.

Nicht Mariä Verkündigung wurde vom 25. Dezember nach vorne gezählt, sondern umgekehrt: Weihnachten feiern wir neun Monate nach Jesu Herabkunft in den Schoß der Jungfrau. Ratzinger: „Den Ausgangspunkt für die Festlegung von Christi Geburtstag bildet erstaunlicherweise das Datum des 25. März.“ Vor dem Hintergrund der antiken Vorstellung, der perfekte Mensch sterbe am Jahrestag seiner Geburt (in diesem Fall: seiner Herabkunft), verbindet sich dieses Datum zudem unkompliziert mit der Passion: Joseph Ratzinger sieht

[…] die älteste Notiz darüber bei dem afrikanischen Kirchenschriftsteller Tertullian (ca. 150 – ca. 207), der es offenbar als eine bekannte Überlieferung voraussetzt, daß Christus am 25. März den Tod am Kreuz erlitten hatte. In Gallien wurde dieser Tag noch bis ins 6. Jahrhundert als unbewegliches Osterdatum festgehalten.

Man könnte also sagen, wenn der Karfreitag einmal auf Mariä Verkündigung fällt, wie sich dies 2005 und 2016 traf, nun aber erst 2157 wieder geschehen wird: So war‘s gedacht! Das Verkündigungsdatum ist das in jeder Hinsicht erste. Es geht allem voraus, umfaßt in seinen Bedeutungsfacetten Geburt, Passion und Auferstehung Christi und macht mit seiner Position im Jahreskreis die Verbindung von Inkarnations- und Ostertheologie sinnfällig, deren Voraussetzungen es schafft. Sollte man die Geschenkfeste, die Martin Luther von Nikolaus und Lucia auf Weihnachten geschoben hat, bis die Geschenke das Christkind fast völlig verdeckten, nicht lieber wieder auf die Heiligenfeste zurückschieben? Geburtstag feiern in der Bibel ohnehin nur die Bösen (man denke an Herodes, dessen Geburtstagstanz Johannes der Täufer zum Opfer fällt). Mariä Verkündigung als das Datum der alle Theologie in sich begreifenden Inkarnation sollte stattdessen mehr in den Fokus rücken. Nicht zuletzt würde dies – um ein letztes Mal mit Ratzinger zu sprechen – „die marianische Dimension der christologischen Feste“ stärker in den Blick nehmen.

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Der Text erschien in gekürzter Fassung zuerst in X451. Fanzine des katholischen Glaubens, hg. im Auftrag des Neuevangelisierungsvereins X451 e.V. von Sebastian Berndt, Heft Nr. 21 (Februar 2021) S. 4f.

Zu den Zitaten von Benedikt XVI. vgl. Joseph Ratzinger, Der Geist der Liturgie. Eine Einführung, Freiburg: Herder 2007, S. 92-94 und 96.

„Ich hab die Nacht geträumet“ (3/3)

Der Rosmarin – der Rosmarien – der Rosmarinenbaum

Die Weimarer Rosmariengasse

In der englischen Sprache finden wir für das Wort Rosmarin regulär eine Form, die im Deutschen nur als Volksetymologie – um nicht zu sagen: Volksetymogelei – existiert, als solche aber immer wieder fröhliche Urständ feiert: Die Loslösung nämlich des Begriffs von seinem lateinischen Ursprung als „ros marinus“ – zu deutsch Meertau – und seine irrtümliche Herleitung aus den Worten (oder Namen) Rose und Maria: rosemary – Rosmarien mit „e“. Diese laut Lexikon definitiv eigentlich falsche Schreibung findet sich im Volkslied „Ich hab die Nacht geträumet“. Während Max Reger die notwendige Silbenzahl durch die Wendung „Rosmarinenbaum“ erreicht, schreibt das Volkslied schlicht und einfach „Rosmarienbaum“ (Abb. aus Erk/ Böhme s.o.)

Auch in der Weimarer Rosmariengasse findet sich rätselhafterweise diese Schreibung wieder.

Rosmariengasse Weimar nähe Herderplatz (eigenes Bild)

Niemand geringeres als der unlängst erst erwähnte Bernd Mende konnte mir nach einiger fruchtloser Recherche die Bedeutung dieser Gasse erklären. Zwar wußte auch er nicht, wie es zu der eigentlich falschen Schreibung kommt. Aber er wußte, wo die Bezeichnung als einziger Kräutername zwischen Karlstraße, Teichgasse und Eisfeld herrührt. Früher in der Nähe der Stadtmauer gelegen, wohnte in den Häusern der Rosmariengasse einst die käufliche Liebe.

 

Die „keuschen Blüten der Volkspoesie“

Und damit sind wir zurück bei den „keuschen Blüten der Volkspoesie“, deren Vertonung durch die „sinnenverwirrenden Farben der modernen Chromatik und Enharmonik“ Regers ein zeitgenössischer Musikrezensent so bedauerte. Wir sind bei den Kinderreimen – dem Unschuldigsten, was die Poesie hervorbringen kann. Oder? Da geht es doch schon wieder um Rosmarin und Thymian im Doppelpack:

Rosmarin und Thymian
wächst in unserem Garten.
Unser Gretchen ist die Braut,
kann nicht länger warten.

Roter Wein und weißer Wein –
morgen soll die Hochzeit sein.

 

Exkurs zu kurzen Kinderreimen

Ich bin versucht, in einem kleinen Exkurs vor kurzen Kinderliedern und Kinderreimen zu warnen. Man überlege sich, wozu Kinderlieder eigentlich gedacht sind: Sie sollen helfen, Kinder geistig zu beschäftigen und abzulenken, wenn sie einen weiten Weg mitgehen oder eine langweilige Arbeit wie Kirschen entsteinen verrichten sollen. Am besten eignen sich hierfür vielstrophige und wiederholungsreiche Lieder, in denen sich jeweils nur wenig Text ändert. Denn alle können sofort mitsingen. Denken Sie etwa an „Zeigt her eure Füße“ oder auch „Wer will fleißige Handwerker sehn“. Kurze Kinderlieder und Kinderreime aber sind – wie meine Tochter jetzt so treffend bemerkte – u.U. nur so unschuldig wie der Mensch, der sie liest oder erinnert. Sie sind zum Teil doppelt codiert und durchaus für Erwachsene. „Spannenlanger Hansl“ ist auch so eine einstrophige Bombe. Ich war deutlich im Erwachsenenalter, als ich begriff, was in diesem kurzen lustigen Lied eigentlich beschrieben ist.

Andererseits: Verglichen mit heutigem Sexualkundeunterricht, der in „Projekttagen“ für Grundschüler und Anatomievorlesungen voller lateinischer Begriffe für kaum schon Jugendliche theoretisches Wissen aufdrängt, bevor es die Adressaten wirklich interessiert, lobe ich mir die Kinderreime dennoch. Man hat sie im Kopf und versteht sie plötzlich, wenn das Verständnis dafür an der Reihe ist.

 

Aphrodites Rosmarin

Zurück zum Rosmarin: „Schon im Altertum wurde der Rosmarin im Mittelmeerraum hoch geschätzt. Er war der Göttin Aphrodite geweiht und symbolisierte die Liebe und die Schönheit. […] In mittelalterlichen Kräuterbüchern spielte er eine wichtige Rolle. […] Der Rosmarin ist eines der wenigen Kräuter, die niedrigen Blutdruck stärken können.“ Und so wurde der Rosmarin „nicht nur gegen allerlei Beschwerden empfohlen, sondern auch zur Stärkung der Potenz“, heißt es auf der Internetseite „Heilkräuter.de“.
Da haben wir mit der Durchblutungsförderung die lebenspendende Wirkung des Rosmarin. Denken Sie an das französische Dornröschen, der die Schläfen mit Rosmarin-Wässerchen eingerieben wurden, um sie aus ihrer Ohnmacht ins Leben zurückzuholen.

 

„Ich hab die Nacht geträumet“

Jetzt haben wir das Rüstzeug zusammen, um erneut auf den Text des „Schweren Traumes“ drauf zu schauen. Wenn hier der Rosmarin nicht den Tod, sondern die körperliche Liebe symbolisiert, wird klar, warum das lyrische Ich das Brechen der immergrünen Krone und das Abfallen der Blüten auf den Tod des Geliebten hindeutet. Da das Gold des Kruges auf Ewigkeitssymbolik – und das heißt eben immer auch Fruchtbarkeit als ewiges Leben in der Abfolge der Generationen – verweist, ein ausgeschütteter Krug gerne für die ‚verlorene Unschuld‘ steht und der Text mit den Perlen und den rosenroten Tröpflein wieder die Farbsymbolik der weißen und roten Tropfen liefert, haben wir die Deutung eigentlich in der Tasche. Und zwar so, daß Reger in seiner an verminderten Akkorden und Durchgangstönen – sprich: an unerhörter Chromatik reichen Vertonung keinesfalls in das Lied hineingelegt hätte, was der Text nicht schon in sich trüge.

Abschließend muß ich mich für diesen doch recht untypischen, aber ich hoffe dennoch nicht uninteressanten PuLa-Artikel entschuldigen. Der metaphysische Schluß von Regers Vertonung, der uns vom zyklischen Denken des erdgebundenen Ich in seinem Garten so unvermittelt weg und in die teleologische Perspektive der Ewigkeit reißt, hat es mir einfach sofort und nachhaltig angetan, als das Lied Anfang Februar in einer meiner WhatsApp-Gruppen herumgeschickt wurde.

Zuletzt habe ich nun noch eine besondere Interpetation des Volksliedes für Sie. Über Syntheziser-Klängen liest eine junge Frau mit geradezu psychedelischer Stimme den Text des „Schweren Traumes“. Ich muß sagen, ich kann da ausgesprochen gut zuhören und werde von der Stimme förmlich angesogen. Die Gruppe „Zeitfaktor“ tauft ihr Stück übrigens schlicht „Der Rosmarienbaum“. Enjoy 🙂 

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Die Rechtschreibung des deutschen Wortes „Rosmarin“ kann bei Theodor Ickler, Das Rechtschreibwörterbuch. Sinnvoll schreiben, trennen, Zeichen setzen, St. Goar: Leibniz Verlag 2000 [Hervorhebung im Original] auf S. 394 nachgeschlagen werden.

Zur weiterreichenden Symbolik der Perle siehe bei Interesse zwei einschlägige Aufsätze von Friedrich Ohly: „Tau und Perle“ und „Die Geburt der Perle aus dem Blitz“, in seinen Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung, Darmstadt 1977 S. 274-292 und 293-311. 

 

„Ich hab die Nacht geträumet“ (2/3)

Notizen zu einem Volkslied und seinem Text

Das „Ich hab die Nacht geträumet“, unter dem Titel „Der schwere Traum“ 1894 festgehalten in Erk/ Böhme (Hg.) „Deutscher Liederhort“ (Quelle hier)

Ausgangs des ersten Teils hatte ich die Keuschheit und Schlichtheit der Volkspoesie problematisiert, da ein Musikrezensent mit diesen Argumenten Regers Vertonungen als erstickend kritisiert hatte. Wenden wir uns nun also dem Text von „Ich hab die Nacht geträumet“ – oben abgedruckt unter dem Titel „Schwerer Traum“ – zu. Im Garten des lyrischen Ich, so eröffnet die Traumerzählung, wächst ein „Rosmarienbaum“. Der Garten entpuppt sich als Friedhof und ein Beet als Grab. Blüte und Krone brechen vom immergrünen Rosmarin.

Die Metaphern des Gartens und des Beetes werden in Strophe 2 unmittelbar aufgelöst. Das erste Schlüsselwort des Gedichts, mit dem auf der Bildebene weitererzählt wird, ist deshalb der Rosmarin. Es folgen Dingsymbole wie der goldene Krug, der in Stücke geht und die Perle. Beginnen wir mit dem Anfang.

 

Rosmarin

Rosmarin also. Eine symbolträchtige Pflanze. Was bedeutet sie in diesem Text?

„Rosmarin wird in diesem Text als Symbol des Todes verwendet“, vermuten Verfasser oder Verfasserin des Wikipedia-Artikels zu unserem Lied. In der Tat ist als Folgelied des „Schweren Traumes“ bei Erk/ Böhme ein Lied mit dem Titel „Rosmarin“ abgedruckt, das diese Bedeutung nahe legt:

Das Folgelied zum „Schweren Traum“ bei Erk/ Böhme (Nachweis s.o.)

Der Kommentar der Herausgeber (s. Bild) konzediert dem Rosmarin (ohne „e“, da aus „ros marinus“ entlehnt) besonders edle Kräfte, die der Volksglauben ihm zuschreibe. Dennoch wird die Pflanze als Symbol der Trauer apostrophiert, da sie zu Beerdigungen Verwendung finde.

Der Einsatz auf Friedhöfen und zu Traueranlässen kann jedoch auch gerade auf eine belebende Kraft des Rosmarin verweisen. Das schon aus dem Mittelalter bekannte, immer wieder vertonte und zitierte „Streitlied zwischen Leben und Tod“ legt dem Leben die besseren Argumente in den Mund und läßt es den Sieg über den Tod davontragen:

So spricht das Leben: Die Welt ist mein,
mich preisen die Blumen und Vögelein,
ich bin der Tag und der Sonnenschein.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein.

So spricht der Tod: Die Welt ist mein,
dein Leuchten ist nur eitel Pracht,
sinkt Stern und Mond in ewge Nacht.
So spricht der Tod: Die Welt ist mein.

So spricht das Leben: Die Welt ist mein,
und machst du Särge aus Marmorstein,
kannst doch nicht sargen die Liebe ein.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein.

So spricht der Tod: Die Welt ist mein,
ich habe ein großes Grab gemacht,
ich habe die Pest und den Krieg erdacht.
So spricht der Tod: Die Welt ist mein.

So spricht das Leben: Die Welt ist mein,
ein jedes Grab muß Acker sein,
mein ewiger Samen fällt hinein.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein.

Pflanzen auf Friedhöfen und den einzelnen Gräbern und Blumen zu Beerdigungen symbolisieren genau das: Das Leben triumphiert über den Tod. So könnte der Rosmarin auch wegen seiner immergrünen Blätter zum Friedhofsbaum geworden sein. Zumal insgesamt die Hinweise auf die belebende Wirkung des Rosmarin meiner Recherche nach deutlich überwiegen.

 

L’eau de la reine de Hongrie

In Charles Perraults Erzählung „La Belle au Bois dormant“, dem maßgeblichen Vorbild des Dornröschen-Märchens von Jacob Grimm, spielt ein Rosmarin-Wässerchen zu einem entscheidenden Zeitpunkt eine wichtige Rolle:

Elle n’eut pas plutôt pris le fuseau, que, comme elle était fort vive, un peu étourdie et que d’ailleurs l’arrêt des fées l’ordonnait ainsi, elle s’en perça la main et tomba évanouie.// La bonne vieille, bien embarrassée, crie au secours : on vient de tous côtés, on jette de l’eau au visage de la princesse, on la délace, on lui frappe dans les mains, on lui grotte les tempes avec de l’eau de la reine de Hongrie: mais rien ne la faisait revenir.  

Zu deutsch: „Kaum hatte sie die Spindel angefaßt, als sie sich, lebhaft und ein wenig rasch, wie sie war, und da es im übrigen nun einmal der Spruch der Feen so wollte, damit in die Hand stach und ohnmächtig zu Boden sank.// Die gute Alte ruft ganz bestürzt um Hilfe, und von allen Seiten eilt man herbei, man schüttet der Prinzessin Wasser ins Gesicht, öffnet ihre Kleider, klatscht in die Hände, reibt ihr die Schläfen mit allerlei Rosmarin-Wässerchen ein, doch nichts vermag sie ins Leben zurückzurufen.“

Feenzauber: Nicht einmal Rosmarin vermochte sie ins Leben zurückzuholen („Sleeping Beauty“, Aquarell von Henry Meynell Rheam 1899; Quelle Wikipedia)

Wir erfahren aus der Märchenerzählung, welche Mittel angewandt wurden, um Dornröschen nach ihrer Verletzung mit der Spindel ins Leben zurückzuholen: Es ist als stärkste und zuletzt eingesetzte Waffe gegen den Tod das „Eau de la reine de Hongrie“. „Ungarisches Wasser“ ist ein auf Alkoholbasis weitgehend aus Rosmarin hergestelltes Parfum, das im Jahr 1370 für eine ungarische Königin kreiert wurde. Man schrieb dem Destillat revitalisierende Kräfte und allerlei Heilwirkungen zu. Das älteste erhaltene Rezept setzt ganz auf Rosmarin und Thymian. Da der Begriff „Ungarisches Wasser“ hierzulande ungebräuchlich ist, übersetzt die deutsche Fassung schlicht Rosmarin-Wasser.

 

Scarborough fair

Die beiden Lippenblütler, Rosmarin und Thymian, begegnen noch häufiger in Texten von Liebesgedichten. Und sie begegnen auch gerne im Doppelpack. „Are you going to Scarborough Fair?/ Parsley, sage, rosemary and thyme” ist der Beginn eines englischen Volksliedes, in dem eine frühere Liebste besungen und eine lange Reihe unlösbarer Aufgaben für eine mögliche Liebste erdacht werden. Im Titel ruft das Gedicht übrigens einen Markt in der englischen Hafenstadt Scarborough ins Gedächtnis. Verbunden mit königlichen Privilegien, wurde die Handelsmesse in Scarborough Mitte des 13. Jahrhunderts eingeführt. Sie sollte sich jährlich ungewöhnlich lange, nämlich über einen Zeitraum von 45 Tagen erstrecken, und zwar „from the Feast of the Assumption of the Blessed Virgin Mary until the Feast of St Michael next following.“

 Immer zu Mariä Himmelfahrt also, am 15. August – parsley, sage, rosemary and thyme –, wurde der Markt eröffnet und dauerte über den „Frauendreißiger“ hinaus bis Michaeli am 29. September. Es gibt unzählige Einspielungen und Bearbeitungen des Volksliedes Scarborough fair. Ich habe mir etliches angehört und muß sagen, daß ich Simon and Garfunkel unübertroffen finde – auch wegen des weiteren Liedes, das sie mit dem Volkslied verweben. Wir verlinken daher hier auf ihre Version – auch wenn alle sie schon kennen. Enjoy 🙂 !

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Fortsetzung folgt

PS: Die Passage aus La Belle au bois dormant ist zitiert aus: Charles Perrault, La Belle au bois dormant, in: Perrault Doré. Contes illustrés par [Gustave] Doré, Bibliothèque nationale de France 2014, S. 56-75, S. 61. Die Übersetzung ist dem Buch von Beat Mazenauer und Severin Perrig, Wie Dornröschen seine Unschuld gewann. Archäologie der Märchen, München 1998, S. 42-51, S. 44 entnommen.

„Ich hab die Nacht geträumet“ (1/3)

Notizen zu einem Volkslied und seinem Chorsatz

Heute kehrt Max Regers Geburtstag zum 148. Mal wieder. Reger wurde am 19. März 1873 nahe Weiden i.d. Oberpfalz geboren und verstarb am 11. Mai 1916 in Leipzig, wohin er zuletzt von Jena aus gependelt war. Sechs Jahre lang bewahrte die Witwe seine Urne im Arbeitszimmer auf, bevor sie sie anläßlich ihres Umzugs nach Weimar am 11. Mai 1922 hier auf dem Hauptfriedhof beisetzen ließ. Doch auch in Weimar ruhte er nur weitere acht Jahre, bevor Elsa Reger erneut verzog und die Asche ihres verstorbenen Mannes mit nach München nahm. Vielleicht betrachten wir diese wieder einmal so Weimar-typische Geschichte im Mai herum noch einmal genauer. Heute soll es um etwas anderes gehen.

Max Reger komponierte Orchesterwerke und Kammermusik, Vokalmusik für Sologesang oder Chor, vor allem aber – selber Organist – komponierte er für Orgel. Und da ist er, nach allem, was man so hört, ein echter Auf-Reger.
Selbst preisgekrönte Häupter stöhnen nach dem Studium eines Reger-Stückes: „Endlich durch, den Schinken!“ und lassen sich für das Posting eines von akkordischen Sechzehntelläufen pechschwarzen Blattes im WhatsApp-Status zu Hashtags wie #daschreibselbstichmirmalfingersätzerein hinreißen.

Aber auch dies soll uns heute nicht kümmern. Überlassen wir die Organisten ausnahmsweise 😉 ihrem selbstgewählten Schicksal. Ich möchte ein Lied vorstellen und einiges zu Text und Musik sagen. Ein Lied, dessen von August Zarnack aufgezeichneten Text Max Reger mit einer von Friedrich Nicolai 1777 überlieferten Melodie in einer 1820 in Berlin herausgegebenen Sammlung deutscher Volkslieder vorfand. Es geht um das vierte von „Acht ausgewählten Volksliedern“, WoO (Werk ohne Opuszahl) VI/11, für welches Reger im September/ Oktober 1899 in Weiden einen atemberaubenden Chorsatz schrieb. Es geht um das Lied „Ich hab die Nacht geträumet“.

 

Das Volkslied „Ich hab die Nacht geträumet“ mit einem Klaviersatz von Theodor Salzmann im Reprint einer Ausgabe des Zupfgeigenhansl von 1929 (eigenes Bild)

„Ich hab die Nacht geträumet“ (Ausschnittvergrößerung)

Ich denke, wir hören es zunächst einmal an. Ich habe eine Interpretation des Dresdner Kammerchors unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann ausgesucht. Enjoy!

[EDIT am 30. Januar 2022: Da das CD-Label carus das Video offenbar
gesperrt hat, stellen wir statt dessen eine sehr vergleichbare
Einspielung des Kammerchores der Kreuzkirche Bonn unter der Leitung von
Karin Freist-Wissing ein.]

Na? Was sagen Sie? Ist das nicht völlig irre? Dieser Dur-Schluß, mit dem Reger uns Zuhörern ganz brutal den Boden unter den Füßen wegzieht! Mehr und mehr rätseln und leiden wir ja im Laufe der vier Strophen mit dem lyrischen Ich. Immer atemloser verfolgen wir Schritt um Schritt das metaphorische Naturschauspiel, die symbolträchtigen Mißgeschicke und zuletzt die mysteriösen Verwandlungen der Rosmarin-Blüten in weiße Perlen und rote Tropfen. Das ganze Lied spinnt uns so nach und nach vollständig in die Figurenperspektive ein. Und unvermittelt wechselt die Musik im Schlußakkord auf eine Metaebene und präsentiert uns den Tod wie aus einem religiösen Blickwinkel des Katholiken Reger als tröstliche Erlösung – ein Perspektivwechsel, der nur sehr notdürftig durch die Spannung vorbereitet wird, die sich im Verlauf des von Rademann ins schier Endlose ausgedehnten, von Reger aber tatsächlich auch bereits notierten Ritardando aufbaut.

Der Dur-Schluß erschien mir beim ersten Hören wie eine unglaubliche Frechheit. Irgend etwas in mir revoltierte gegen diese versöhnliche Wendung, mit der Reger übrigens nicht nur über den Volksliedsatz, sondern auch über die vierzig Jahre ältere Vertonung desselben Liedes durch sein großes Vorbild Johannes Brahms (1833-97) hinausgeht. Im gleichen Lebensalter wie Reger, mit Mitte zwanzig, setzt auch Brahms dieses Lied (1859/62). Während Reger in Strophe 3, dem dramatischen Höhepunkt des Liedes, in welchem dem lyrischen Ich der goldene Krug entgleitet und in Stücke schlägt, nicht nur in die Mittelstimmen, sondern sogar in den Melodieverlauf eingreift, sind bei Brahms alle Strophen identisch. So bleibt der Chorsatz auch im Schlußakkord des Liedes beim Moll der Strophenschlüsse:

Der Mut Reger‘scher Modulationen fand in Musikrezensionen nicht nur ein positives Echo:

Reger hat die schlichten, duftigen, keuschen Blüten der Volkspoesie mit den grellen, sinnenverwirrenden Farben der modernen Chromatik und Enharmonik übermalt, und die eben durch ihre Einfachheit so anmutigen Melodien in dem verschlungenen Dickicht polyphoner Stimmenführung förmlich erstickt. Die scharfen Ingredienzen der modernen Musik sind für das Volkslied Gift,

schreibt  Hans Wagner 1905 in der Neuen Musikalischen Presse. Hört man sich „Es waren zwei Königskinder“ von Reger an, das letzte und tatsächlich durch Reger selbst dem Zyklus nachträglich hinzugefügte Lied aus den „Acht ausgewählten Volksliedern“ WoO VI/11, dann versteht man ansatzweise, was der Kritiker meint, der hier – ich sag jetzt mal: fromme und unfromme Harmonien in der Musik zu unterscheiden versucht. Wir sind in Bezug auf den außergottesdienstlichen Musikgebrauch dennoch dezidiert nicht seiner Meinung. Schauen wir doch erst einmal, wie es um die Keuschheit und die scheinbare Einfachheit der Volkspoesie in Wahrheit bestellt ist. Stille Wasser sind bekanntlich tief …

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Fortsetzung folgt morgen

 

PS: Das Zitat des Musikkritikers Hans Wagner ist der Einleitung zur Reger-Werkausgabe des Carus-Verlags, Bd II/8, S. XIV entnommen.

Wer nur den lieben Gott läßt walten (1/2)

Vermischtes zu Rezeption und Fortwirken eines „Trostliedes“

 

Die Weimarer Gedenkandacht

Vorgestern wäre Georg Neumark 400 Jahre alt geworden. Neumark? Nie gehört? Gut möglich! Aber sein bekanntestes Gedicht, das von ihm selber so bezeichnete „Trostlied“ mit der Anfangszeile „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ kennen Sie auf jeden Fall, vermutlich in seiner eigenen Vertonung. Neumark selber hat es in seiner Sammlung „Fortgepflantzer musikalisch-poetischer Lustwald“ 1657 in Jena publiziert. Am 16. März 1621 in Langensalza geboren, studierte er mit Hindernissen und Unterbrechungen in Königsberg Jura und kehrte über Danzig und Thorn im Alter von 30 Jahren nach Thüringen zurück. In Weimar wurde er herzoglicher Kanzleiregistrator und Bibliothekar. Aber er wurde auch Sekretär („Erzschreinhalter“) der 1617 in Weimar gegründeten „Fruchtbringenden Gesellschaft, jener Sprachakademie, die, weil etwa eine Generation älter als ihr französisches Pendant, wohl als Vorbild der bis heute fortbestehenden „Académie Françaisegelten muß. [Anm. der Redaktion: DAS wäre mal ein Thema für das Weimarer Dreieck, oder? 😉 ] Am 8. Juli 1681 verstarb Neumark hier in Weimar und liegt auf dem Jakobsfriedhof begraben, wo eine Gedenktafel an ihn erinnert.

Die Gedenktafel für Georg Neumark an der Innenseite der Weimarer Friedhofsmauer um St. Jakob, aktuell geschmückt mit frischen Blumen (eigenes Bild am 17. März 2021)

Weimar wäre nicht Weimar, gäbe es nicht Kulturbürger, die anläßlich eines Gedenktages wie des 400. Geburtstages eines solch verdienstvollen Mitbürgers wie Neumark dem an St. Jakob zuständigen Pfarrer Hardy Rylke in der Organisation einer würdevollen Andacht zur Hand gingen. Und so verfaßte denn auch Bernd Mende, Mitautor des Stadtlexikons, Stadt- und Friedhofsführer und Glockenkenner unserer Kulturstadt, für den gestrigen Tag ein Faltblatt mit Konterfei, Lebensabriß und Trostlied-Text Neumarks, so daß die kleine, aber tapfere Fangemeinde zu den Klängen eines solistischen Vokalensembles und des Posaunenchors der Kreuzkirche unter Leitung der Kantorin Brigitte Kliegel alle sieben Strophen des allseits bekannten Trostliedes mitsingen konnten, als man sich ab 17.00 Uhr für eine gute halbe Stunde an der Jakobskirche versammelte. Tapfer mußte die Fangemeinde dabei tatsächlich sein, denn vermutlich aus Sorge vor den omnipräsenten Augen des Ordnungsamtes und der zu erwartenden unberechenbaren Geldstrafen bei Zuwiderhandeln fand die Andacht nicht nur mundnasenbedeckt, sondern bei 4 Grad, Regen und steifer Brise im Freien statt. Aber – was geschieht heute nicht alles, da die Sorge um die Gesundheit auf die Einhaltung irgendwelcher „Corona-Schutzmaßnahmen“ zusammengeschnurpst ist … 😉

Bemerkenswert glaubwürdig paraphrasierte Pfarrer Rylke den Liedtext und untersetzte ihn mit Zitaten Vertriebener und anderen Weltkriegserinnerungen. Also mit Erzählungen aus einer Zeit, in der Menschen wirklich nichts hatten und gerade deshalb ihr Gottvertrauen nicht verloren. Wie Neumark selber: Er dichtete „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ 1642, als er, auf dem Weg nach Königsberg ausgeraubt und nur knapp dem Tod entronnen, in Hamburg gestrandet und als Hauslehrer untergekommen war.

 

Vertonungen des Trostliedes

In jedem Artikel zu Neumarks Trostlied wird hervorgehoben, wieviele Vertonungen der Text erfahren hat. Am bekanntesten ist die eigene Komposition des Dichters, die Johann Sebastian Bach in seinem sogenannten „zweiten Leipziger Kantatenjahrgang“ zur freilich mannigfaltig variierten und in den solistisch besetzten Mittelstrophen auch textlich erweiterten Grundlage seiner Kantate „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ mit der BWV-Nummer 93 für den 5. Sonntag nach Trinitatis im Juli 1724 gemacht hat.

Bezifferte Baßlinie und Melodie aus Neumarks „Fortgepflantzem musikalisch-poetischer Lustwald“, dem Erstdruck des Trotzliedes (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek; Quelle: wikipedia)

So erscheint das Lied denn auch unter Nr. 369 des Evangelischen Gesangbuches mit der Angabe, daß Georg Neumark 1641 den Text und 1657 die Melodie verfaßt habe. Das Lied steht hier im 6/4-Takt und ist in der Randspalte mit einem „ö“ für das ökumenische Liedgut bezeichnet. Das Gotteslob bot bis 2013 unter den Nummern 295 und 296 zwei Varianten, wovon die zweite als „ökumenische Fassung“ mit einem „ö“ gekennzeichnet war und Neumarks originalen Rhythmus wiedergab. Unvergeßlich geworden ist die Liednummer durch ihre Apostrophierung in der Nachwende-Filmkomödie „Vaya con dios“ aus dem Jahr 2002, in der sich ein dreistimmiger Liedsatz von Tobias Gravenhorst aus einem Gemeindegesang herausschält. Man beachte, daß hier die sehr schöne vierte Strophe „Er kennt die rechten Freudenstunden“ erklingt, die allerdings im alten wie im neuen GL fehlt. In jedem Fall eine sehr lohnende Szene! Enjoy 🙂 

Im neuen Gotteslob erscheint Neumarks Lied unter der Nummer 424 mit einem eingeklammerten (ö) (zu dem Spaß, den man beim Versuch haben kann, die ö-Kennzeichnungen unserer Gesangbücher zu verstehen, haben wir uns ja an anderer Stelle schon geäußert) und der rätselhaften Angabe, die Melodie sei um 1736/37 nach Georg Neumark von Johann Sebastian Bach geschaffen. Die Einklammerung des „ö“ verdankt sich vermutlich der Tatsache, daß das Lied  gegenüber Neumarks Rhythmisierung einen entscheidenden Unterschied aufweist: Bach hat in seiner wie gesagt 1724 komponierten Kantate aus Neumarks Dreivierteltakt einen Viervierteltakt  gemacht und die gelängten Noten verkürzt. Aus dem für die Rede von Gott und Christus eigentlich sehr angemessenen „Tempus perfektum“ Neumarks wird das „Tempus imperfektum“ eines Viervierteltaktes. Das greift auch in die Wirkung der Worte ein, da beispielsweise aus Neumarks „liiiiiiebem Gooooooott“ nun ein „lieber Gott“ wird. Aber der symbolvertonungsdurchdrungene Bach wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Hören Sie in die Kantate doch einmal hinein:

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Fortsetzung folgt voraussichtlich am Dienstag, dem 23. März 2021

Die bunte Kuh

Plaudereien über ein wider Erwarten erfolgreiches Lied

 

Thema

Erinnern Sie sich? Nein – das wäre auch wirklich zuviel verlangt! Vor zweieinhalb Jahren haben die Cäcilini eine Vertonung des gotischen Vater Unser im Hochamt uraufgeführt. Trotz der behutsamen Ankündigung des Zelebranten gab es natürlich die eine oder andere Irritation. Das ist aber verständlich. Schließlich haben wir nichts in einer der beiden Sprachen gesungen, die man bei einem liturgischen Auftritt Jugendlicher erwartet und kommentarlos mitzuverfolgen versucht. Sprich: Es war weder Englisch noch Swahili. Sondern gotisch. Es war der Text des Atta unsar aus der 1650 Jahre alten Bibelübersetzung des Bischof Wulfila.

Der Zelebrant selber betete, nachdem wir geendet hatten, ganz gegen seine Gewohnheit den Embolismus. Offenbar war er sich nicht sicher, ob wir die Doxologie auch wirklich mitgesungen hatten. Haben wir aber. Wie nachzulesen ist. Denn ich habe aus Gereons Livemitschnitt für den YouTube-Kanal der Cäcilini einen kleinen Film gemacht, in dem ich den Text zur Musik mitliefere, und zwar zweisprachig (gotisch/ neuhochdeutsch; nicht englisch/ swahili). In den instrumentalen Zwischenspielen ist die Seite aus dem „Codex Argenteus“ zu sehen (also aus der aufgrund ihrer Tinte die „Silberne“ genannte, berühmteste Abschrift der Ulfilas-Bibel), auf der Mt 6, 9-13 und damit das Vater Unser geschrieben steht.

Das Atta unsar aus dem Codex Argenteus als schwarz/weiß Kopie (Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon)

Man erkennt hier nochmal sehr schön die scriptio continua, die Aneinanderreihung der einzelnen Worte ohne Trennung, von der ich im Ankündigungsbeitrag Ende August 2018 geschrieben habe. Und man sieht, wie griechische Buchstaben zum Teil mitsamt Lautwert übernommen, zum Teil mit einem anderen Laut belegt worden sind: Unser Text beginnt oben links mit „weihnai namo thein.“ – „geheiligt werde dein Name“. Was aussieht wie ein griechisches Psi – ψ – ist hier (entgegen heute gedruckter Ausgaben) der „thorn“, der stimmlose Reibelaut mit der Zunge zwischen den Zähnen.

 

Durchführung

Und da war nun unsere ‚bunte Kuh‘ unter den Liedern des Cäcilini-Channel in der Welt – ‚bunte Kuh‘, weil es weder von einer Heiligenvita oder der Genese eines Kirchenfestes handelt, noch ein Stück aus einem Sing- oder Krippenspiel ist. Sondern schlicht das Vater Unser, und noch dazu in gotischer Sprache. Ich war gespannt, was aus meinem Schützling werden würde.

Schnell zeigte sich, daß dieses Lied eine ganz andere Hörerschaft erreichte als meine übrigen Stücke; eine internationale Hörerschaft nämlich; und definitiv mehr Menschen, die selber über einen Kanal verfügen und so (für die Verhältnisse des Cäcilini-Channel) überdurchschnittlich viele ‚Likes‘ unter das Lied malten; und die kommentierten, was sie gerade gehört hatten. Und wir sahen, daß es doch einige waren.

Den Anfang machte der „Ancient Literature Dude“, dessen gelesenes Atta unsar wir in unsere Ankündigung eingebettet hatten. Er kommentierte gefühlt am ersten Tag der Veröffentlichung mit den freundlichen Worten: „Beautiful! I love that Gothic is getting its due with gorgeous arrangements like this.” 🙂 Und so oft ich den Kanal öffnete, waren einige Aufrufe des Atta unsar hinzugekommen. Zeitweilig trauten wir unseren Augen nicht, wie gut das Lied völlig wider Erwarten lief. Es tröpfelte, aber es tröpfelte und tröpfelt nach wie vor stetig, so daß nach und nach der erste Hunderter, dann ein Tausender nach dem andern an Aufrufen voll lief. Unlängst war es der sechste.

Anzahl der Aufrufe des „Atta unsar“ auf dem YouTube Kanal der Cäcilini (Screenshot am 10. März 2021)

Wer nur Musikvideos erfolgreicher Pop-Ikonen konsumiert (Beispiel: „Hello“ auf dem offiziellen Kanal von Adele – 1,8 Milliarden Aufrufe und eine Abonnentenzahl, die nur angepaßt wird, wenn die nächsten 100.000 zusammengekommen sind), wird weniger gut verstehen, warum ich das erzähle als jemand, der selber als nobody und auf eigene Faust Content produziert. Eine vierstellige Anzahl von Aufrufen erreichen nämlich überhaupt nur 9% aller Filme auf YouTube – so ließ zumindest vor der diesbezüglich allerdings u.U. auswirkungsreichen Pandemie-Situation das Computermagazin c’t verlauten. Daß der Kanal der Cäcilini durch das Salve Regina, Mariä Heimsuchung, Erntedank, den Schnatterkanon und eben das Atta unsar mit mittlerweile fünf Filmen diese erste magische Grenze überschritten hat, erfüllt mich darum schon mit ein bißchen Stolz. Schließlich ist es nicht einmal ein Pfarrei-Account, sondern ausschließlich meine Privatinitiative. Kein Geld, keine Leute, nicht fünf Kameras und vier Mikrofone … Mehr als tausend Aufrufe bei einem Lied sind einfach nicht schlecht für einen Kanal, der zunächst von der eigenen Institution boykottiert wurde und nach wie vor alles andere als beworben wird. – Egal! Wir machen einfach weiter.

Lange war übrigens das Erntedanklied der Spitzenreiter mit seinen zweieinhalbtausend Aufrufen. Doch letztlich ist es ausgerechnet und schon lange mit Abstand ein Text, von dem ich nie gedacht hätte, daß ihn so viele Menschen auf YouTube suchen würden. Ich denke übrigens, es sind nicht die mit der Frakturschrift. Die suchen ja eher nach Odin und Thor. Es sind Menschen, die sich für ältere Sprachstufen des Deutschen interessieren.
(Anm. der Redaktion: Sicher die besonders. Aber es scheint doch sehr so zu sein, daß es weltweit Liebhaber des Gotischen gibt, ulkig, aber schön!)

Ulfila erklärt den Goten das Evangelium, wie man es sich im 19. Jh. vorstellte (Bild: Wikicommons, gemeinfrei)

 

Reprise

Und die sind ja auch wirklich interessant, diese älteren Sprachstufen! Wer sich schon einmal gefragt hat, warum das Italienische unser Land zwar „Germania“, uns und unsere Sprache aber „tedesco“ nennt, wird schon im Gotischen fündig (daß die Goten in Ravenna saßen, hatte ich im August 2018 ja schon geschrieben): „thiudisko“ ist ein Adverb und bedeutet „heidnisch“, zu finden im Galaterbrief 2, 14, in dem Wulfila übersetzt: „jabai thu Iudaius visands thiudisko libais jah ni iudaivisko, hvaiva thiudos baideis iudaiviskon?“ Die Einheitsübersetzung hat entsprechend: „Wenn du als Jude nach Art der Heiden und nicht nach Art der Juden lebst, wie kannst du dann die Heiden zwingen, wie Juden zu leben?“

„Heidnisch“ kann dann häufig auch einfach „zum Volk gehörig“ bedeuten. Im „thiudinassus“ und „thiudangardi“ (im vorliegenden Fall jeweils zu übersetzen mit „(König)Reich“) des Atta unsar ist das Wort „thiuda“ – Volk – ja ebenfalls erkennbar. Und so wurde die „theodisca lingua“ schlicht in der Bedeutung „Volkssprache“ noch im frühen Mittelalter auf das Westgermanisch-Fränkische in Abgrenzung zum sich herausbildenden Altfranzösischen einerseits, zum Latein der Klöster andererseits bezogen. Die „deutsche“ Sprache war geboren.

Ulfila übersetzt die Bibel (Bild: Wikicommons, gemeinfrei)

 

Coda

Zur ‚objektiven‘ Motivation, das gotische Vater Unser zu vertonen, habe ich im Ankündigungstext der Messe Ende August 2018 bereits etwas geschrieben. Aber es gibt zusätzlich eine persönliche Geschichte im Hintergrund. Ich habe das Atta unsar nämlich schon als Kind kennengelernt, von meinem Vater, also am Eßtisch und so. Mein Vater wiederum hatte es von einem sehr sehr alten Deutschlehrer – sprich: einem von denen, die 1945 halt noch am Leben weil zu alt für den Kriegsdienst gewesen waren und die man für den Schuldienst wieder aus dem Ruhestand zurück holte. Sagen wir Jahrgang 1870/75. Der hatte in seiner Ausbildung die alten Sprachstufen vermutlich noch ganz anders studieren müssen/ können/ dürfen, stand doch am Anfang der im 19. Jahrhundert entstandenen Disziplin der Germanistik nicht die Literaturinterpretation, sondern die Geschichte der deutschen Sprache. Wie auch immer: Der alte Herr hat den Jungs das Atta unsar beigebracht – gesprochen wie geschrieben, also nicht in der heute rekonstruierten Aussprache, wie wir sie vom Ancient Literature Dude kennen. Aber egal! Und da meinem Vater als eingefleischtem Lutheraner zwar der liebe Gott letztlich herzlich gleichgültig war, ihn aber die Gesetzmäßigkeiten sprachlicher Verwandtschaften und Entwicklungen intellektuell reizten, zitierte er gern die ersten Verse des Atta unsar. So hat er mein Interesse an den alten Sprachstufen im allgemeinen, am Gotischen im besonderen und konkret an diesem 1650 Jahre alten Text geweckt.

 

Cornelie Becker-Lamers