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„also: Weimarer“ – Teil VI

Wie gesagt: Gedanken über das Zitat zum Tage (zum 3. Oktober 2020)

 

„Wir sind unter uns“?

 

Hammer, Sichel und Pionierknoten: „Lassen Sie sich von uns zurück in Ihre Kindheit entführen.“ Die Schulküchentomatensoße der MHV GmbH (Landkreis Mansfeld-Südharz), (eigenes Bild)

Aus anderen gesellschaftlichen Bereichen kennen wir die Sehnsucht nach den ‘nicht-alles-schlechten’ alten Zeiten: die Sehnsucht eben nach einem Zustand wie in der eigenen Kindheit; nach einer Welt, in der man sich auskennt und in der man zuhause ist. Nun umfaßt die Sehnsucht nach den alten Zeiten in einer Kirchgemeinde wohl nicht gerade die staatlichen Symbole der DDR. Aber ob wir demselben Phänomen nicht doch auch in unserer Pfarrei begegnen und die Äußerung des Pfarrers deswegen so formuliert wurde, wie wir sie hören können (nochmal hier ab Minute 7:10 etwa)? 

In Bezug auf Weimar allgemein hat Hans Dieter Mück im vergangenen Jahr ein zweibändiges Konvolut über die „aus Weimar Vertriebenenvorgelegt, welches dieses altbekannte Weimar-Phänomen von Bach bis Bauhaus in Kurzbiographien beleuchtet: Ob Carl Zeiss‘ Unternehmen oder Richard Wagners Grüner Hügel: In Weimar wurde, trotz seiner erstaunlichen Prominentendichte, immer noch mehr verhindert als geduldet.
So ächzen auch nach wie vor Kulturinstitutionen und Bildungseinrichtungen unseres Städtchens unter den Seilschaften der alteingesessenen Weimarer. 

Und in Weimars katholischer Pfarrei? Sieht es da anders aus? Sind „wir“ da unter „uns“? Das wäre ja schlimm genug.  Oder ist unter „uns“ ein „wir“, das unter sich bleiben will? 

Mir scheint es so und ich bedaure, daß es keinerlei Gesprächsmöglichkeiten hierzu gibt. Eine Gemeindeversammlung hat Pfarrer Gothe von Beginn an ausgeschlossen, so daß die letzte Versammlung 2009 zum Thema Altarposition und neue Fliesen in der Apsis stattfand. Also legt PuLa hier wieder einmal alleine vor und man wird vermutlich wieder einmal über uns statt mit uns reden.

Wie auch immer – die Suche der „also: Weimarer“ nach dem „Wir sind unter uns“ könnte immerhin einige Phänomene erklären, die ich lange nicht verstanden habe. Hier meine Thesen zu einigen der Langzeiträtsel unserer Pfarrei:

Sind „wir“ noch „unter uns“? Das Skandalon der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel

Es ist doch merkwürdig, daß nach wie vor über die Orgel ein so magerer und sogar fehlerhafter Text auf der 2016 neu aufgesetzten Homepage unserer Pfarrei zu lesen ist. Als unsere Pfarreiseite zum Kirchweihjubiläum Ende September 2016 neu aufgesetzt worden war, ergab ein Gespräch mit der Homepageredaktion, daß ein ausführlicherer Text inklusive  Musikbeispielen vorgelegen hatte, dann aber auf die vorfindliche Fassung zusammengestrichen wurde. Also fragte ich unter vier Augen beim Pfarrer nach. Seine Antwort war ein langes Schweigen. Bei nächster Gelegenheit brachte ich das Thema an einem Infotisch des Kirchortrates gegenüber dessen Sprecherin vor. Sie wich geradezu körperlich zurück und begann mich zu beschimpfen. Die Analyse des weitgehend aus wikipedia übernommenen Homepagetextes von Herz Jesu Weimar zur Franz-Liszt-Gedächtnisorgel steht nun schon seit einem halben Jahr auf PuLa. Es tut sich immer noch nichts.
Dieser Tatbestand ist in meinen Augen mehr als erklärungsbedürftig. Warum darf dort nicht die Wahrheit stehen? Und warum wurden die Gespräche, die Professor Kapsner noch 2013 für PGR und KV anbot, um über die neue Orgel und seine größere Vision zu informieren, durch den damaligen Pfarrer per Rundmail unterbunden – und alle gehorchten dem Verdikt? Professor Kapsner jedenfalls lief in der Folge herum, als müsse er sich für die neue Orgel entschuldigen.

Was um alles in der Welt ist das Skandalon an diesem wertvollen Geschenk für unsere Gottesdienste?

Als ich über das Zitat von den „also: Weimarern“ nachdachte und mir das ‘Rollback’ auffiel, das 2015 eben nicht endete und inzwischen so viele Bereiche unseres Gemeindelebens durchdringt, wurde es mir plötzlich klar: In der Orgel materialisiert sich die Tatsache, daß das „Wir sind doch unter uns“ nicht mehr der Realität entspricht.
Mit der Orgel als Eigentum der Hochschule (was in Herz Jesu Weimar bekanntlich peinlich verschwiegen werden muß) hat sich ein Stück Außenwelt in unserer Kirche eingenistet und geht nicht mehr weg: Das ist das Skandalon an der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel. Das Engagement eines Zugezogenen, der mit seiner Familie ebenfalls nicht mehr weggehen wollte, hat sich hier in einer neuen Königin der Instrumente materialisiert. Es bedurfte eines hohen Maßes an psychischer Gewalt, um letztlich auch ihn samt seiner Familie aus der Pfarrei und zuletzt (im April dieses Jahres) aus Weimar zu vertreiben.

Nochmal Chorkleidung

Ziemlich genau zu der Zeit, als auf PuLa die vierteilige Serie zum Thema Chorkleidung und Pfarrjugend-T-Shirts erschien, einigte sich der Kirchenchor von Herz Jesu Weimar auf schwarze Kleidung mit lila Schal (Damen) bzw. Krawatte (Herren). Vorher – und das habe ich wirklich bei keinem andern Chor im kirchlichen oder weltlichen Umfeld je gesehen – war man stets gut angezogen, aber eben nie in einheitlicher ‚Kluft‘ oder gar liturgischen Gewändern. Es war, als würde man im privaten Rahmen singen. Bei einer Geburtstagsfeier käme man sich schließlich auch komisch vor, wenn man sich von der Kleidung her abspräche. Man macht sich schön, aber wir sind doch unter uns, und da fühlt sich alles Abgestimmte wie eine Verkleidung an. Und so sang man dann eben auch Messen.

Dieser Umstand war nicht reflektiert, da bin ich mir ganz sicher. Es geschah keinesfalls absichtlich, daß fast niemand in schwarz erschien. Aber es umgriff auch Chormitglieder, die normalerweise wissen, wie man sich kleidet und die genügend schwarze Kleidung im Schrank haben. Es dachte einfach niemand darüber nach, ob man Fremde möglicherweise umso wirkungsvoller ausschließt, je privater man sich gibt. Es war einfach so und wurde in den seltensten Fällen auch nur thematisiert – um dann bewußt zugunsten frei wählbarer Kleidung entschieden zu werden. Wir sind doch unter uns.

Und der Umgang mit PuLa natürlich

Im Umgang der “also: Weimarer” mit PuLa war von Beginn an bemerkenswert, daß man sich nicht darüber echauffierte, was wir schrieben, sondern daß wir schrieben.  Ob kritische Anmerkung oder positives Feedback, beides war gleichermaßen unerwünscht. Was die Kritikpunkte anbelangte war nie das Problem, daß ja passiert war, was wir schrieben, sondern allein, daß es durch unser Schreiben publik wurde.
Wenn ich mir jedoch vorstelle, in einer Institution, mit der ich zu tun habe – sagen wir, in einem Ministerium meines Bundeslandes – herrschen punktuell unhaltbare Zustände, sagen wir wegen eines Beamten oder der politischen Leitung. Dann wäre ich doch froh, wenn ein Journalist dem nachginge, der Mißstand aufgedeckt, und der Weg freigemacht würde, um die Situation zum besseren zu verändern. Unter welchen Umständen nur möchte man so etwas nicht?
Genau: Wenn es das eigene Privatleben betrifft. Wenn die Mißstände beispielsweise durch Mitglieder der eigenen Familie verursacht wären. Dann ginge mir der Schutz dieser Verwandten vermutlich vor der Aufklärung zum Wohle der Allgemeinheit.

Ja – und genau das habe ich gesprächsweise in Bezug auf PuLa erlebt. Einige Menschen – nennen wir sie weiterhin die “also: Weimarer”, denn das traf es auch im vorliegenden Fall wieder -, ganz bürgerlich anständige Menschen und in keinster Weise direkt involviert in die Mißstände, die bis 2015 die Pfarrei in Atem hielten, stießen sich daran, daß PuLa über ausgewählte Vorgänge in der Pfarrei berichtete, um die Situation für alle wieder lebbarer zu machen. Aber: Wir sind unter uns. Die Gemeinde ist die Familie. Wir machen vor uns hin und hoffentlich sieht uns keiner. Da ist keine Distanz, die das Denken an andere, Zugezogene, Ausgegrenzte innerhalb der eigenen Pfarrei ermöglichte.

In seiner Weihnachtsansprache an die Kurie wandte der Papst sich gegen die Behauptung, die Medien berichteten über Missbrauch in der Kirche, um ihr zu schaden. Er dankte den Medien ausdrücklich für ihre Bemühungen, die Taten aufzudecken und den Opfern eine Stimme zu geben.

So berichtete Ende 2018 neben etlichen Zeitungen auch die Weimarer Lokalpresse.
Ja genau! Ob die “also: Weimarer” einem hiesigen Ortsgeistlichen je eine solche Stellungnahme zu diesem Blog gestatten werden?

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Sketch des Monats: Der Laternenumzug alias Die Friedensdemo

Ein Sketch für etwa 25 Kindergartenkinder, 15 Jugendliche und 10 Erwachsene, die ganze Schafherde inklusive zweier Lämmchen und eines Hütehundes

 

Wundersdorf, die allseits bekannte Schafweide. Kohle, Flocke, Wolle, Grauchen und Blütenweiß stehen mit anderen Schafen am Gatter und scheinen auf etwas zu warten. Manche scharren ungeduldig mit den Hufen. Ein Schaf stößt bereits das Gatter auf. Tatze, der Hütehund, drängt das vorwitzige Schaf behutsam zur Seite und schließt das Gatter mit der Schnauze wieder. Alle blicken Richtung Unterstand.

 

Kohle (ungeduldig in Richtung Unterstand): Fixi! Huf! Wo bleibt ihr denn? Wir wollen los!

Fixi (aus dem Unterstand): Einen ganz kleinen Augenblick noch!

Huf (steckt den Kopf aus der Tür): Außerdem müßt ihr sowieso noch warten. Wir haben nämlich eine Überraschung für euch.

Grauchen: Wo wollen wir eigentlich hin?

Wolle: Das arme Schwein von Totilas besuchen und ein bißchen seelischen Beistand leisten.

Grauchen: Ist Totilas nicht ein Pferd?

Wolle: Doch, klar. Aber weil der Martinsumzug abgeblasen worden ist, vermißt er seine Extraportion Heu, auf die er ganz fest gerechnet hatte!

Grauchen: Stiiiiiimtmt! Er hatte den Job als Martinspferd!

Wolle (nickt): Normalerweise ja. Nur dieses Jahr nicht.

Grauchen: Oh! Armes Schwein!

Wolle: Sag ich doch!

Blütenweiß: Das kann uns alles auch noch blühen – wenn sie uns dieses Jahr nicht für die Krippenspiele brauchen.

Grauchen: Hör bloß auf! Ich darf gar nicht dran denken!

Flocke (begütigend): Jeder Tag hat seine eigene Sorge. Wartet es doch erst einmal ab.

Kohle (erbost): Jetzt muß ich die beiden aber doch holen! (Er will sich in Richtung Unterstand in Bewegung setzen, als eine schnatternde Horde Halbwüchsiger mit einem Schwung Kindergartenkindern, Eltern und Erzieherinnen an der Weggabelung zur Stadt sichtbar wird. Sie tragen Lampions und bunte Laternen (rote, gelbe, grüne, blaue) vor sich her und singen, noch ungeordnet, verschiedene Martinslieder. Sie steuern direkt auf die Schafweide zu. Die Schafe beginnen unruhig zu werden, als sich aus der lustigen Personengruppe Teresa und ihre Mutter Edith herausschälen. Zugleich kommen Fixi und Huf endlich aus dem Unterstand zum Gatter gesprungen.

Teresa (zu den Lämmchen): Fixi! Hu-uf!! (Sie begrüßt die beiden über den Zaun hinweg und streichelt ihre Schnauzen.)

Kohle (zu Edith): Sagt mal – seid ihr irre? Ihr seid mindestens 45 Personen aus 50 Haushalten! Hört ihr denn keine Nachrichten? Was denkt ihr euch eigentlich! Zieht uns da bloß nicht mit rein! Das kann teuer werden!

Edith (lächelt Kohle und der ganzen Herde beruhigend zu): Grüß dich erstmal, Kohle. Teresa, Fixi und Huf haben sich gestern abgesprochen und Huf meinte, das ginge in Ordnung. Wir sollten ruhig kommen, er kriegte das hin. Was er da genau organisieren wollte, weiß ich allerdings auch noch nicht. Deswegen sind wir auch seeeehr vorsichtig auf 55 verschiedenen Wegen aus der Stadt rausmarschiert und haben uns erst an der Weggabelung hier am Waldrand getroffen.

Huf (schlenkert ein Papier): Wir haben ganz ordentlich eine Demonstration angemeldet. So macht man das doch heute! Ihr hört wohl keine Nachrichten?! (Er lacht.)

Kohle: Jetzt werd‘ bloß nicht frech. Du willst mir doch nicht erzählen, daß dir die Polizei in Petershagen vier Tage nach ‚Leipzig‘ eine Demo genehmigt hat?!

Huf: Will ich nicht, aber muß ich ja wohl, sonst geht es ja hier überhaupt nicht weiter.

Wolle: Und was ist unser Thema? Eine Demo braucht doch einen Anlaß und ein gemeinsames Ziel.

Fixi: Unser Ziel ist natürlich ein zünftiger Laternenumzug, wie er sich zu Sankt Martin gehört. Was sollen denn die Heiligen von uns denken, wenn wir ihnen so halbherzig huldigen? (Sie macht ihr altkluges Unschuldslamm-Gesicht.)

Huf: Und als Thema haben wir einen Lichterzug an der Nikolauskapelle vorbei zur katholischen Kirche und zurück angemeldet – also das Motto ist „Frieden“. (Er guckt siegesgewiß in die Runde.)

Kohle (seufzt): Eine Friedensdemo mit Lampions! Ich fasse es nicht! (In anderem Tonfall) Und was habt ihr die ganze Zeit noch im Unterstand gemacht?

Huf: Najaaaaa … die Demo ist natürlich erstmal verboten worden. (Rasch) Aber ich wußte, daß die Jungs von den Klagepaten das für uns durchdrücken. Die kriegen alles hin! Deshalb hab ich gestern Teresa schon mal grünes Licht gegeben. Naja, und die definitive Zusage von OVG kam eben gerade erst … (er grinst.) Aber haut ja noch hin! Jetzt laßt uns endlich los!

Kohle: Auf einmal!

Grauchen: Du guter Gott! Huf! Und nun sollen wir uns alle gemeinsam auf den Weg machen?

Huf: Klar! Wir Schafe zählen doch sowieso wieder nicht. Also habe ich 50 Teilnehmer angemeldet – einmal durchzählen bitte. (Die Erwachsenen aus der Personengruppe auf dem Feldweg überschlagen die Zahl der Kinder)

Eine Mutter: Paßt!

Eine Erzieherin: Kommt genau hin! Mehr sind wir nicht.

Ein Vater (anerkennend): Gut geschätzt, Teresa und Huf!

Teresa: Naja – vorher im Kopf durchgezählt halt …

Grauchen: Und gehen wir jetzt gar nicht zu Totilas?

Wolle: Doch! Das können wir sicher einrichten!

Grauchen: Gut!

Edith (öffnet das Gatter): Jetzt aber los! Es wird schon dunkel.

Die Erwachsenen sammeln die Kinder wieder ein, die sich während der Debatte ein wenig verteilt hatten, und die ganze Schafherde und die etwa 50 Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen setzen sich in Richtung Stadt in Bewegung. Durch die vorgeschriebenen Abstände wird es ein mächtig langer Zug. Doch während die Kinder brav ihre Laternen vor sich hertragen und nun geordnet ein Martinslied nach dem anderen singen, nestelt Fixi immer noch irgend etwas an ihrem Rucksack herum.

Flocke: Fixi! Was hast du denn immer noch? Nun komm schon!

Fixi: Moment! (Sie zieht Kohles Phablet auf dem Rucksack, entsperrt den Bildschirm und kommt dann hinter der Gruppe hergesprungen.) Ich muß doch Dove Sveta spielen! Auf unserer Tour jetzt sind doch massig Punkte drin! So schön wie die Kleinen singen! (Sie ruft die App des Spieles auf.)

Flocke: Na! Wenn dir nur mal nicht auf Schritt und Tritt die Heilige Corona begegnet!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Also – zu einer angemeldeten Demo hat es bei uns in Weimar meines Wissens nicht gereicht. Aber unsere Tochter hat gestern gegen 17 Uhr auf dem Theaterplatz vier Kinder mit ihren Laternen gesehen – unter zehn Personen aus zwei Haushalten vermutlich – und auch mir sind heute zwei Familien mit Kinderwagen und selbstlaufenden Kleinen begegnet, die tapfer ihre Lampions vor sich her trugen und Martinslieder sangen. Einige haben also offenabr die Ausnahmesituation zu nutzen gewußt, um ausnahmsweise mal nicht den Geburtstag Martin Luthers zu begehen, sondern des Tagesheiligen seines Tauftages zu gedenken, dessentwegen Luther überhaupt Martin hieß.
Mein Mann hat heute in Erfurt ebenfalls Kinder und in Weimar sogar eine (hinreichend kleine…) Gruppe von Jugendlichen mit augenscheinlich selbstgebastelten Laternen gesehen! 

Wir selber sind gestern den ideenreichen Vorschlägen unseres Gemeindereferenten gefolgt

Die coronamaßnahmengerechten Vorschläge unserer Pfarrei zum diesjährigen Martinstag, oben im Bild: Totilas (eigenes Bild)

und hatten ab kurz nach fünf bis halb sechs abends zwei Laternen ins Fenster gehängt. Schauen Sie:

10. November 2020, 17.30 Uhr. Martinslaternen im Fenster. So als Zeichen.(eigenes Bild)

 

Cornelie Becker-Lamers 

 

PS: Daß es eine ganze ‘Pandemie’ braucht, damit einmal Umzüge am Tag des Hl. Martin stattfinden und nicht am Vorabend, seufz! Seit Jahren schreiben wir uns ja die Finger wund, daß es nichts als fair wäre, es abwechselnd zu gestalten und bekanntlich geschieht es in anderen mitteldeutschen Städten (Halberstadt!) auch nicht nur am 10. November!
Aber immerhin, dafür waren diese kleinen Umzüge spontan! Das macht ja Hoffnung.

Gereon Lamers

 

„also: Weimarer“ – Teil V

Sie wissen schon: Gedanken über das Zitat zum Tage (zum 3. Oktober 2020) 

 

Intim. Intimidé

„Ich glaube fast, daß die Kirche jetzt die letzte DDR-Nische ist“, zitiert Ronald Jost, gebürtiger Jenenser, als Dreijähriger mit den Eltern ins Rheinland geflohen und nach der Wende zurückgekehrt, 2019 die gesprächsweise geäußerte Feststellung eines Freundes. Eine ähnliche Beobachtung haben wir schon vor sechseinhalb Jahren in einem Sketch verarbeitet. Es stimmt: Die Bemühungen der „also: Weimarer“, zum „Wir sind doch unter uns“ zurückzufinden, haben auch 2015 mit dem Wechsel im Amt des Pfarrers nicht aufgehört. Und nun versteht man auch, warum sich das ‚Regime‘ der ehemaligen stv. Vorsitzenden des KV überhaupt so lange halten konnte. Die Richtung stimmte für nahezu alle damaligen Gremienmitglieder. Nur als man aus der usurpierten Chefetage auch ihre, der Gremienmitglieder, eigene Pfründe beschnitt, wurde es lästig.

Ein Ergebnis der langjährigen Arbeit der „also: Weimarer“ ist das Gemeindefest 2019, das in seiner betont improvisierten Art etwas so – wie soll ich sagen: ‚Intimes‘ hatte, daß jeder etwaige Gast oder neu Zugezogene sich hätte fehl am Platze fühlen müssen (wenn ich recht gesehen habe, war allerdings auch niemand Neues da). Wenn eine Handvoll zusammengewürfelter Erwachsener ungeprobt auf einer Bühne zu des Pfarrers Gitarrenakkorden „Hoch auf dem gelben Wagen“ singt, berührt mich persönlich das zumindest seltsam. Und man vergibt sich dadurch gute Chancen, in der Stadt und der Lokalpresse als Gesprächsthema vorzukommen (was ja für eine katholische Gemeinde im Sinne der vielgepredigten „Neuevangelisierung“ eigentlich ganz praktisch wäre): Ein wie auch immer einstudiertes Programm kann da ganz anders integrieren: Ob das ein christliches Theaterstück von Kindern ist oder die Aufführung eines Jugendchores, ob es ein Vortrag ist oder ein kleines Konzert auf der Orgel der Pfarrkirche, eine Kirchenführung mit Erläuterungen etwa der vielfältigen Fenster oder einige Stücke, die der Kirchenchor singt. Was auch immer.
Zur Aufführung
des Kindermusicals „Rut“ durch die Cäcilini (die damals noch nicht so hießen) kamen, weil man zu einem solchen Programmpunkt eben auch vernünftig einladen konnte, im Jahr 2011 neben vielen Gemeindemitgliedern nicht nur die Presse, sondern außerdem ‚Himmel und Menschen‘ aus der Stadt, der Hochschule, den Schulen und Horten der Kinder und natürlich aus verschiedenen christlichen Gemeinden (auch damals allerdings schon kein Mitglied unseres eigenen Pfarrgemeinderats).
Ein Programm kann integrieren, denn nach Vorträgen und Theaterstücken können auch Menschen ein Gespräch anknüpfen, die
nicht seit 20 Jahren dieselben Leute kennen: Zugezogene. An geprobten Konzerten können auch Fremde innerlich Anteil nehmen – weil die Kultur uns verbindet. Aber – Hand aufs Herz: Was tut man als Außenstehender mit einem Stegreifchor, der zu Gitarrenklängen aus dem „Poverello“ singt – außer warten, daß es aufhört?

 

Und die Kinder?

Im Jahr 2019 aber ist man wieder beim Pfarrfest als verlängertem Familienkaffeetisch angekommen, den man offenbar so lange vermißt hatte. Woran das eigentlich Tragische natürlich ist, das genau die, die zehn bis zwanzig Verwandte ersten und zweiten Grades am Ort zu wohnen haben, offenbar vollständig übersehen, daß sie jenen die Beheimatung in der Pfarrei verweigern, die sie wirklich dringend brauchen: den Kindern und Jugendlichen, deren nächste Angehörige über die eigene Kleinfamilie hinaus in 400 km Entfernung leben.

„Lassen Sie sich von uns zurück in Ihre Kindheit entführen.“ Die Schulküchentomatensoße der MHV GmbH (Landkreis Mansfeld-Südharz) als „ehrliches Produkt“ „abseits aller modernen Ernährungstrends“ (eigenes Bild)

Wir haben Verständnis für Ostalgie. Und natürlich kommt sie auch in einer katholischen Gemeinde vor. Aber wir möchten auch Verständnis wecken für diejenigen, die eben nicht in einer Großfamilie vor Ort (oder überhaupt irgendwo) verwurzelt sind und neue Wurzeln für ihre Kinder finden müssen. Und das dürfte für die nach der Wende in die neuen Bundesländer Gezogenen noch schwieriger sein als für die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich denke, die Integration jener Familien mußte man nach der Wende noch viel durchdachter organisieren als die der Vertriebenen. Die Vertriebenen kamen doch häufiger in Gruppen. Ganze Familien wurden einer Stadt zugewiesen, ganze Ortschaften hatten sich gemeinsam auf den Weg machen müssen. In diesen Gruppen verband alle dasselbe Trauma.
Die Migrationsbewegung nach der Wende – von West nach Ost wie umgekehrt – verschob hingegen einzelne Menschen auf einen neuen Arbeitsplatz oder ins Studium. Jede und jeder aus einer anderen Gegend. Jede und jeder aus einem anderen Umfeld. Jede und jeder mit einer anderen individuellen Geschichte. Wenn traumatisiert, dann jede und jeder mit einem anderen Trauma. Wie eine Freundin über die Weimarer Pfarrei immer sagt: So viele
Individualisten. Stimmt. Viele von uns wären sonst aber auch gar nicht hier.

Und ausgerechnet für diese Nicht-Gruppe der aus den alten Bundesländern Zugezogenen hat man die Idee organisierter Familienkreise in Herz Jesu Weimar aus der Mode kommen lassen. Schon 2014, noch in der Phase der zweijährlichen Firmtermine, aber auch 2019 wieder gab es keine Tischmütterkreise in den Firmkursen mehr. „Zu viel Arbeit“, war die offizielle Erklärung beim Elternabend (mir unverständlich, da man ja etwa vier Unterrichtsstunden in die Hauskreise verlagert). Diese Tischmüttergruppen waren eine punktuelle, aber immerhin eine Gelegenheit, einmal mit diesem oder jenem anderen Jugendlichen zu sprechen (die man ja in Gymnasialzeiten auch nicht mehr vor der Schule sieht, weil man das eigene Kind nicht mehr abholt). Und da erwartet wird, daß man für den Chor, den der Pfarrer z.B. vollmundig beim pueri-cantores-Fest anmeldet, die Chormitglieder selber findet, sollte es wenigstens die kleinen organisatorischen Hilfestellungen solcher Gesprächsmöglichkeiten doch wieder geben. 

Man ruft eine Messe für die Firmbewerber aus, läßt in dieser die Firmlinge sich aber nicht mehr namentlich vorstellen: Wieder ein kleines Kettenglied, das für den Zusammenhalt und das Nachwachsen der Gemeinde auf Dauer fehlt. Zur Firmfahrt schickt man die Heranwachsenden seit drei Jahren nach Taizé (und ein Ende scheint nicht absehbar), wo die Weimarer Jugendlichen unter die Teilnehmer anderer Länder gemischt werden und ebenfalls als Gruppe nicht zusammenwachsen können – wir haben das Problem schon beschrieben.

Tja – und dann gibt es irgendwann eben keine Jugendgruppe mehr. Und wenn es keine Jugendgruppe mehr gibt, besuchen auch nur die wenigsten Jugendlichen weiterhin die Heilige Messe. Wodurch die Gemeinde niemanden von ihnen mehr zu Gesicht bekommt und man die personalisierten Gottesdienste um so dringender bräuchte, um jegliche innere Anteilnahme an der nachfolgenden Generation nicht völlig ins Blaue hinein zu empfinden. Es ist eine Abwärtsspirale und Herz Jesu Weimar ist ganz unten angekommen. Außerhalb der WWF (Winzigen Weimarer Freundeskreise) kennt niemand mehr irgendwen – auch, und das wissen sie, auch die „also: Weimarer“ nicht.

Wenn man nun weiß, daß bis vor 30 Jahren die katholische Pfarrjugend explizit dazu gedacht war, katholische Ehen zu stiften (!), wenn man weiterhin weiß, daß dies noch vor zehn Jahren hier in Weimar tatsächlich genau so funktionierte

 

und 2019 erfahren muß, daß es für die Firmlinge nicht mal mehr sinnvoll sein soll, die eigene Peergroup kennen zu lernen (es war schon ziemlich bitter, was mir an Spott und Schnoddrigkeit entgegenschlug, als ich angesichts der desolaten Situation und meines direkt betroffenen Kindes wiederholt vorschlug, vielleicht doch einmal eine Rundmail an die Firmlingseltern herumzusenden und mit ein paar Leuten Ideen zu sammeln – ich hatte und habe auch selber welche – um einfach wieder auf eine ‚kritische Masse‘ zu kommen, die andere anziehen kann …), wenn ich mir diese Zeitschiene vor Augen halte, dann ging mir der Absturz ein bißchen zu schnell, um an eine Entwicklung zu glauben. Auch nicht an eine Fehlentwicklung.
Vielmehr mache ich Fehlentscheidungen dafür verantwortlich. Fehlentscheidungen, die m.E. mit der Fehleinschätzung zusammenhängen, die „also: Weimarer“ seien nach wie vor der wesentlich tragende Kern der Pfarrei. Zur Erinnerung: Die „Vertriebenengeneration“ ist heute zwischen 85 und 105 Jahre alt. Deren Kinder sind die noch in Familienkreisen organisierten 55-75-jährigen. Die Enkel sind häufig nicht mehr am Ort. Wo sie es noch sind, wären mittlerweile die Urenkel der Vertriebenen der jugendliche Nachwuchs in der Pfarrei. Beispiele wie die Bemühungen um Kantorennachwuchs haben aber gezeigt, daß nicht mal in der Familie, in der man den sprichwörtlichen ‚Papst zum Vettern‘ hat, diese Urenkel noch bereit sind, in der Pfarrei weiterhin eine/ihre Rolle zu spielen: Wer Heimat hat, muß sich nicht bemühen. Wer Heimat sucht, ist bereit, unendlich viel zu investieren.

Die Zukunft der Pfarrei lag  m.E. deshalb wesentlich auch in den Kindern der Zugezogenen. Die „also: Weimarer“ haben diese Zukunft durch die Ausgrenzung der zugezogenen Eltern in den vergangenen zehn Jahren verspielt. Realisiert das jemand? Ich habe bei dieser Frage immer das Gefühl: Es brennt und mancher Verantwortliche wärmt sich am Feuer.

 

„also: Weimarer“. Die Abschlußfrage

„Die Vertriebenengeneration und ihre Kinder – also: Weimarer“, so hat es der Pfarrer im Interview formuliert. Zum Thema Jugend in Herz Jesu Weimar lautet eine ernstgemeinte Frage (wie sie ganz ähnlich übrigens in den letzten Wochen auch die Weimarer Lokalpresse umkreiste): Was sind eigentlich, in der Außenwahrnehmung durch die „also: Weimarer“, die hier geborenen Kinder der aus dem Westen Zugezogenen? Sind das auch „also: Weimarer“? Oder sind das „Wessis“?

 

Fortsetzung folgt übermorgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Immer, wenn ich angesichts von so klugen Sätzen wie “Die Richtung stimmte für nahezu alle damaligen Gremienmitglieder. Nur als man aus der usurpierten Chefetage auch ihre, der Gremienmitglieder, eigene Pfründe beschnitt, wurde es lästig”, über die damalige Zeit nachdenke, drängt sich mir eine doppelte Beobachtung auf:
1) Sie haben damals den Regimewechsel ja in keiner Weise aus sich heraus hinbekommen, der so definierte größere Teil der “also: Weimarer”! Nein, der mußte letztlich von außen erzwungen werden (und gelang selbst dann vollends nur dank großen “Glücks”).
2) Die, für die es heute möglich ist, sich, sagen wir, mit dem Generalschlüssel durch die pfarrlichen Liegenschaften zu bewegen (was “früher” eben nur für genau eine Person denkbar war), sie müßten uns für unseren Anteil an der Veränderung eigentlich mehr als dankbar sein…

Daß sie es, “natürlich”, nicht sind, unterstreicht erneut allzu deutlich die Analogie dessen, was hier stattgefunden hat, mit anderen historischen Entwicklungen: Ja, es war eine Art “Revolution” und die Nutznießer solcher Umwälzungen sind den “Revolutionären” eben nur in den seltensten Fällen dankbar.
Es ist wohl wirklich kein Zufall, daß wir uns hier am besten mit Menschen verstehen, die auch schon früher widerständig gewesen sind.

Gereon Lamers

 

„also: Weimarer“ – Teil IV

Immer noch Gedanken über das Zitat zum Tage (zum  3. Oktober 2020)

 

„bunt“ und „zu bunt“

Das, was man gemeinhin als Hochkultur bezeichnet, verkörperten hier in der Weimarer Pfarrei in den letzten 15 Jahren, die ich überblicke, selbstverständlich nicht nur Zugezogene aus dem Westen. Ich habe diese Gruppe im ersten Beitrag der vorliegenden PuLa-Reihe am 3. Oktober 2020 nur deshalb so ausschließlich apostrophiert, weil es zu diesem Datum und seither auch in der Lokalpresse immer mal wieder um die Frage nach einer gelungenen Wiedervereinigung ging. Das Feindbild der lange Zeit Tonangebenden hier in Herz Jesu Weimar war allerdings klar. Den 2014er Schlachtruf vom „wessifreien Kirchenvorstand“ haben wir uns schließlich nicht ausgedacht. Den gab es ja wirklich. Aber – nein, die Ausgrenzungen trafen nicht nur die „Wessis“, sondern auch Leute wie den wohl renommiertesten zeitgenössischen deutschen Opernkomponisten. Auch Weimarpreisträger Ludger Vollmer war bis vor ganz kurzer Zeit über zwei Jahrzehnte lang Gemeindemitglied in Herz Jesu Weimar. Und auch er biß sich am hiesigen Regime die Zähne aus.

Was auch unseren jetzigen Pfarrer regelrecht zu verblüffen schien, als ich es einmal formulierte, ist der Umstand, daß, wer etwas kann, dies selbstverständlich auch anderswo kann. Nicht wir Kulturschaffende brauchen diese Pfarrei als Podium (diese Ansicht scheint bei den „also: Weimarern“ vorherrschend). Sondern die Pfarrei braucht uns. „Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht“ heißt es im ersten Korintherbrief (12,21). Wir haben es bereits zitiert. Diese Gedanken sind den „also: Weimarern“ meiner Erfahrung nach aber fremd. Als der Gemeindereferent im Herbst 2006 beim Elternabend der katholischen Erstklässler (die katholischen Grundschüler Weimars wurden damals alle gemeinsam im Pfarrhaus unterrichtet) in die Runde um die Bereitschaft bat, eine Kinderschola zu gründen, ging es um das Singen des in der Pfarrei bekannten Neuen Geistlichen Liedguts. Das habe ich nur ganz spät erst begriffen. Ich kam mit den Liedern, die er mir hinlegte, nicht zurecht und begann eigentlich nur aus der Not heraus, wegen Auftrittsanfragen an die Kinder, selber zu komponieren. Die ersten eigenen Lieder zu einer Taufe, zu Sankt Martin und dergleichen mochten noch hingehen. Aber als 2010 das erste Singspiel über die Bühne ging, wurde es den „also: Weimarern“ (in Gestalt des Pfarrgemeinderates) zu bunt. Man war erkennbar nicht amüsiert. Ich habe den Eindruck, daß für die „also: Weimarer“ das Motto handlungsleitend ist: ‚Sei gern erfolgreich, ist uns wurscht, nur bitte um Himmels Willen nicht in der Pfarrei und nicht mit Außenwirkung für die katholische Gemeinde. Wir sind hier unter uns und wollen das auch bleiben. Wir machen hier vor uns hin. Hoffentlich sieht uns keiner.‘

Und so zogen sich immer mehr der fleißigen und wachen, offenen und hilfsbereiten Zugezogenen wieder aus der Pfarrei zurück – zogen, im Falle von Senioren durchaus auch motiviert durch die fehlende Integration, entweder ganz und gar wieder weg, traten in die evangelische Kirche über oder engagierten sich zumindest nur noch dort. Wenn sie nicht (vor 2015) im Pfarrbüro bei der ersten Anfrage nach den Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements in der Gemeinde durch den alleinigen Hinweis auf Hilfsdienste in der Kleiderkammer der caritas von vornherein abgeschreckt wurden. Solche Menschen kennen wir auch, und sie fehlen im Gemeindeleben.

(Kurze Bemerkung zu einer anderen Stelle des Radio-Horeb-Interviews um Minute 36:00 herum, wo Pfarrer Gothe die Tatsache, daß die Kirche unbewacht den ganzen Tag geöffnet ist und wir keine Kirchenaufsicht haben – und das heißt, nebenbei bemerkt, auch: niemanden, der bei Bedarf einige Worte über die Kirche und ihre Ausstattung sagen könnte – mit dem Mangel an ehrenamtlichen Helfern für diese Aufgabe begründet. Diese Einschätzung kann ich nicht nachvollziehen, denn ich habe zum einen noch nie eine Anfrage in den Vermeldungen gehört, in der um die Bereitschaft zu einer solchen Aufsicht gebeten wurde. Zum andern muß man sagen: Wenn alle Katholikinnen und Katholiken, die in der evangelischen Stadtkirche Aufsicht tun, dies in Herz Jesu leisten würden – und warum sollten sie nicht? –, dann hätten wir schon etliche Stunden abgedeckt. Klammer zu.)

 

Desinteresse und Desintegration

Ein halbes Jahr lang hielt der damals neue Pfarrer dem Druck, der  – laut eigener Aussage –  auf ihn ausgeübt wurde, stand. Das ist leider überhaupt keine lange Zeit – wenn ich denke, wie lange meine Familie inklusive Kindern massivste Anfeindungen durchgehalten hat. Aber ungefähr um Ostern 2016 herum begann der Pfarrer sich nur noch dafür zu interessieren, wer die Kirche putzt. Im Wortsinne. Die Pfarrjugend ließ er fallen (die Umstände auszuführen, würde hier zu weit führen), obwohl er als beliebter Jugendpfarrer in Weimar Einzug gehalten hatte. Und obwohl er die Jugendlichen an seinem ersten Arbeitstag gefragt hatte, wo sie denn gemeinsam singen könnten, erwiderte er mir auf meine im Verlauf von etwa zwei Jahren immer wieder vorgetragenen Bitten um Werbung für die Chöre der Pfarrei: „Wenn ein Kinderchor eingeht, ist das doch kein Beinbruch“ – „Das ist nicht der Untergang der Arche Noah“ – „Ist doch eigentlich eine schöne Chance für einen Neuanfang“ (auf den wir nach nunmehr Jahren ohne Kinderchor allerdings bis heute warten). Nach der vierten Antwort: „Wissen Sie was, eigentlich bin ich ganz froh, wenn der Chor eingeht, damit ich endlich nicht mehr dafür verantwortlich bin“ schnitt ich das Thema nicht mehr an und machte einfach meine Arbeit.

Ich möchte diesen in verschiedenen Variationen formulierten Standpunkt an dieser Stelle einmal zur Diskussion stellen und denke, das kann ich tun, ohne ‘aus dem Nähkästchen zu plaudern’, da es ja eine seit Jahren ernsthaft vertretene Position ist, die mit Äußerungen wie „es ist mir egal, wo die Kinder Musik machen“ und „ich bin keine Musikschule“ zusätzlich flankiert wurde. Ich persönlich würde mir wünschen, daß ein Ortsgeistlicher den Wert des in der Pfarrei eingebrachten Engagements von Kindern und Jugendlichen stärker gewichtet. Wie sehen Sie das?

Aber weiter im Text: Vor einem guten Jahr sah ich dann Professor Kapsner mit einem Wischeimerchen aus der Kirche kommen (er hatte im Vorfeld der Probespiele für die Neubesetzung seiner Professur die Orgel gereinigt und fand es auch wichtig, dies selber und allein getan zu haben). Ich dachte: Ah! Jetzt ist ja alles in Ordnung. Jetzt putzt sogar der Initiator der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel. Und als die Sängerin, die mit den Herz Jesu Finken vor Jahren den Sieg im  Goldkehlchenwettbewerb in unsere Pfarrei geholt hat (was freilich auch Insiderwissen blieb), zum Gemeindefest Küchendienst tat, statt mit Kindern zu singen (weil ihrer Gruppe wie den Cäcilini und dem wieder eingegangenen Jugendchor seit Jahren der Nachwuchs fehlt), entwarf ich den Sketch zum Kuchencomputer mit dem Schlußspruch: „Erst wenn die letzte Frau im Küchendienst untergepflügt ist, werdet ihr merken, daß man sich eine Pfarrjugend nicht backen kann!“

Es sind dies beides jedenfalls klassische Beispiele für meine oben (in Teil III) festgehaltene Beobachtung, in Herz Jesu Weimar könnten sich nicht im Sinne von 1 Kor 12, 4-21 verschiedene Gaben, verschiedene Glieder des einen Leibes entfalten, sondern ein einziges Körperteil sagte zu allen andern: ‘Seid halt wie ich, dann könnt ihr auch mitwurschteln’.

Eine Erdbeertorte kann man backen. Wenn man kann (in diesem Fall kann das meine Tochter). Eine Pfarrjugend nicht (eigenes Bild)

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers

Eilmeldung: Ehemaliger Karmel in Weimar-Schöndorf wieder bewohnt

Wir unterbrechen die Reihe der grundlegenden und zusammenfassenden Betrachtungen zur Lage der Pfarrei (die noch alles andere als abgeschlossen ist) aus gegebenem Anlaß zu einer Eilmeldung. 

Seit einiger Zeit deutete sich an, was nun vollzogen ist, vermutlich, denn genaues weiß man nicht, seit Sonntag, dem 1. November. Das Gebäude des ehemaligen Karmelitinnenklosters in Weimar-Schöndorf, das die letzten Schwestern Ostern 2020 verlassen haben, ist wieder bewohnt (zur Kirche Weimar-Schöndorf hier und hier). Von einer, nun ja, einer Art “Gemeinschaft”, die sich gestern nach Ende der Hl. Messe vorgestellt hat. Diese Vorstellung nahm Herr Nikolaus Huhn vor.

Der „Eigentlich Nicht-Mehr-Karmel“ am 8. November 2020 (eigenes Bild)

“Seit einiger Zeit”, d.h. konkret seit dem 13. Januar 2020 weiß PuLa von dieser Absicht, wobei wir allerdings davon ausgehen, der entscheidende Zeitpunkt lag irgendwo zwischen dem 19. und 21. September 2019 während der sog. “Diaspora Fachmesse pastorale!” in Magdeburg.

Wir recherchieren nun schon seit einiger Zeit zu diesem Thema mit, wie wir finden, ganz aufschlußreichen Ergebnissen. Nach Abschluß der “also: Weimarer-Reihe” werden wir Ihnen diese Ergebnisse nicht vorenthalten.

Aktuell fanden wir jedenfalls weder im analogen Pfarrblatt noch digital auf der Homepage der Pfarrei einen Hinweis auf dieses Ereignis, das jedoch, wie wir genau wissen, viele Pfarrkinder sehr interessiert und auch angeht!

Der Hirtenbrief des Bischofs zu den bevorstehenden Gremienwahlen, der gestern anstelle einer Predigt verlesen wurde, warf gerade in Bezug auf die Schöndorfer Vorgänge, unabsichtlich natürlich, ein bezeichnendes Licht auf Anspruch und Wirklichkeit der Wertschätzung der Menschen, die in Gremien tapfer versuchen, kirchliches Leben aufrechtzuerhalten,was wir übrigens immer grundsätzlich anerkennen, auch dann,wenn es nicht immer ganz nach unserem Geschmack sein sollte! 

Der Schöndorfer Kirchortrat hatte nämlich vom genauen Termin dieses folgenreichen! Einzugs genau ebensoviel Kenntnis, wie der “Rest” der Pfarrei, also gar keine. Und das war nicht das erste Mal, daß die, die sich dort seit langem abmühen, in dieser Sache draußen vor gelassen wurden, wie wir sehen werden.

Wenn nun der Hirtenbrief eben diesen Menschen dafür dankt, sie hätten dem jeweiligen “Kirchort in den letzten Jahren ein Gesicht gegeben und viel dafür getan, dass Jesus Christus [dort] präsent” blieb, dann klingt das leider in Weimar etwas hohl.

 

Gereon Lamers

 

PS: Übrigens wurde gestern auch bekannt gegeben, daß der Termin der Wahlen für die Kirchorträte (nicht für alle Gremien!) auf den 13. Juni 2021 verschoben wurde; Sie ahnen es schon, wegen “Corona”…

Überhaupt: Die Gremienwahlen! Ganz ehrlich, ich wollte innerlich mit dem Thema abschließen, zu absurd und zu ärgerlich fand ich, was da vor einigen Jahren passiert ist!
Aber das ist ja keine Haltung für PuLa, schließlich ist dieser Blog ja die weit und breit einzige unabhängige öffentliche katholische Stimme in diesem Bistum, die sich solcher Themen annimmt, oder? 😎
Und es hat sich, zumindest bistumsseitig, doch allerlei getan, offensichtlich. Also wird PuLa wohl nicht umhin können, sich erneut dieses Themas anzunehmen. Beim letzten Mal kam es dabei zu wirklich bemerkenswerten Phänomenen, die wir bisher noch nicht vollständig öffentlich gemacht haben.
Aber es ist uns auch egal, wenn sich diesmal wieder jemand was ausdenken mag: Wir haben das “Nolite timere” gehört, wovor sollen wir uns fürchten? 

 

„also: Weimarer“ – Teil III

Noch mehr Gedanken über das Zitat zum Tage (zum 3. Oktober 2020)

Im Sinne von 1Kor 12 – im Sinne des einen Leibes und der vielen Glieder, im Sinne verschiedener Charismen – so hatte ich den letzten Text beschlossen, muß die Integration der Zugezogenen gerade aus den alten Bundesländern als gescheitert betrachtet werden. Als Wegmarke dessen – wenn nicht als point of no return – kann der Wegzug der Familie des Initiators der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel dienen, der im April dieses Jahres stattgefunden hat, ohne daß irgend jemand in der Pfarrei davon Notiz genommen hätte (einige wenige Freunde natürlich ausgenommen). Wir werden auf all das genauer zurückkommen, aber um – gut hermeneutisch gesprochen – Ihren Erwartungshorizont für die Lektüre der noch folgenden Textteile von „also: Weimarer“ richtig vorzubereiten, sei zur Erläuterung vorweg geschickt: Ich werde aus meiner Sicht und nach fünfzehn Jahren eigener Erfahrung berichten, wie weit wir in Herz Jesu Weimar – einer Pfarrei, die als Dorfpfarrei geführt wird, obwohl sie es in puncto ‚Kulturellem Kapital‘ ihrer Gemeindemitglieder mit jeder Dompfarrei aufnehmen kann – von der Erkenntnis entfernt sind: „Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht“ (1Kor 12,21) Hier sagen eher die Füße: ‘Sei halt ein Fuß, dann darfst du auch irgendwo mitwurschteln’. Was mit Menschen passierte, die das wirkliche Miteinander verschiedenster für die Pfarrei engagierter und lebenswichtiger Gemeindemitglieder anmahnen, haben wir am eigenen Leibe erfahren. Da wurde es in Form anonymer oder auch unterschriebener Briefe schnell explizit: ‘Was machen Sie hier für Unruhe? Verlassen Sie endlich unsere Gemeinde!’ Ein Fußtritt am ausgestreckten Arm. Und eine Person gab es auch – das wollen wir nicht vergessen, solange es in keinster Weise aufgearbeitet ist –, die hat, Gott sei Dank vergeblich, sogar versucht, per Intrige Familien, die ihr nicht paßten, die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen. (Das ist ebenfalls uns, aber nicht nur uns passiert, sondern wiederholt beispielsweise auch in der Leitungsebene des katholischen Kindergartens.)

 

„also: Weimarer“. Das Zitat

In der Weimarer katholischen Gemeinde gab es eine nicht vernachlässigbare Anzahl integrations- und leistungsbereiter Familien (und als Potential gibt es sie natürlich nach wie vor), die aus den stärker katholisch geprägten Gegenden der alten Bundesrepublik zugezogen sind und in Weimar heimisch werden wollten. Wir halten den Hinweis auf diese Familien und ihre ehrenamtlichen Angebote und Dienste in der Pfarrei (meist gleich in zwei bis drei Generationen) für die passende Antwort auf eine Interviewfrage nach der Situation einer mitteldeutschen Pfarrei „seit es die DDR nicht mehr gibt“. Da die passende Antwort jedoch damals, in dem Interview von Pfarrer Gothe auf Radio Horeb (ab Minute 7:10), komplett ausblieb, haben wir sie im PuLa-Beitrag vom 3. Oktober 2020 erst einmal selber gegeben. Denn dies brachte das fortdauernde Auseinanderfallen der Gemeinde sehr gut auf den Punkt: „Wir haben hier eine Gemeinde, in der ganz stark diese Vertriebenengeneration auch da ist und ihre Kinder – also: Weimarer, aber auch eben viele Zugezogene, die sich hier mit einbringen und die das hier ganz ganz bunt und vielfältig machen.“ (Minute 8:25-42). 

Der Kampf gegen die Hochkultur

Zum besseren Verständnis: Die „Vertriebenengeneration“, das sind die heute 85- 105-jährigen. Ihnen geht es gut in den beiden vorbildlich geführten wöchentlichen Seniorenkreisen  unserer Pfarrei. Ihr aktives Engagement in der Gemeindearbeit aber hält sich in altersangemessenen Grenzen. „Ihre Kinder“ sind zwischen 55 und 75 Jahre alt. Einige von ihnen helfen in der Tat mit den closed-shop-Tätigkeiten wie Küstern und Kommunionausteilen vor allem im Meßbetrieb. Nur ganze acht Sekunden lang geht es in der oben zitierten Antwort des Pfarrers um das Engagement anderer.

Aber sind mit den Zugezogenen, die hier alles „bunt und vielfältig machen“, überhaupt jene gemeint, von denen ich im ersten Teil dieser Reihe (am 3.10.2020) geschrieben habe? Der weitere Verlauf des Interviews läßt daran erhebliche Zweifel aufkommen. „Bunt“, das sind temporäre „Farbtupfer“. Das „Temporär“ ist ganz wichtig: In Herz Jesu Weimar herrscht eine Art ‚Event-Seelsorge‘ vor. „Bunt“, das sind in dieser Antwort vor allem die wechselnden und ausländischen Studierenden, die zum Herz-Jesu-worship musizieren, vielleicht die Erwachsenen, die ein einziges Mal in der Abendmesse nach dem beispielsweise spanischen Nachmittag (einem mittlerweile wieder eingestellten monatlichen Format für Mitglieder bestimmter Sprachgemeinschaften) einen Projektchor stellen. Auf das Gemeindeleben hat solches Tun natürlich nicht im entferntesten die Auswirkung, die das regelmäßige, gerne auch ganz unbunte, traditionsbezogene und konventionelle, vor allem aber kontinuierliche Engagement fester Kreise für sich verbuchen kann – das Engagement lange Zeit nicht ausschließlich, aber vor allem der Zugezogenen aus den alten Bundesländern.

Aber wie kann man das alles vergessen? Nehmen wir nur den Initiator der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel, welchletztere die Geistlichen in jeder Messe im Blickfeld haben?

Herz-Jesu Weimar, die Franz-Liszt-Gedächtnisorgel mit Fernwerk (eigenes Bild)

Nun – „man sieht, was man zu sehen gelernt hat“, wie es so schön heißt. „Er kam ja ganz anders hier an“, sagte Pfarrer Horst Klemm (+) noch im Raphaelsheim über unseren im September 2015 nach Weimar gewechselten Pfarrer. Hw. Klemm wollte sein Wissen nicht mit ins Grab nehmen und ich hatte immer gehofft, er habe mit mehr Leuten als nur mit mir über die Situation in unserer Gemeinde geredet. Hat er vielleicht auch. Geholfen hat es augenscheinlich nichts. Das Rollback, das seit spätestens 2010 in Herz Jesu Weimar betrieben wird, hält unvermindert an und hat die gemeindlichen Aktivitäten Zugezogener schon beinahe auf Null heruntergefahren. Denn in der Tat hätte Pfarrer Gothe bei einer ehrlichen Antwort auf die Situation seit der Wende für viele der am 3. Oktober 2020 von mir aufgezählten Angebote das Präteritum nutzen müssen. Viele Ehrenamtliche wurden trotz allen Engagements nicht integriert, sondern von einer sehr kleinen Gruppe im Sinne der Analyse Prof. Widls „wichtiger“ Gemeindemitglieder – von den „also: Weimarern“ eben – mit zum Teil erheblicher psychischer Gewalt und bemerkenswert langem Atem ausgegrenzt.

PuLa schrieb immer wieder darüber (vgl. bes. hier und hier), denn diese Vorgänge haben diesen Blog ja überhaupt erst motiviert: 2011, als das erste Opfer dieser Politik im Krankenhaus lag und alle Kommunikation uns gegenüber längst unterbunden war, begannen wir zu schreiben, daß es hier eine „Räuberbande“ (in Anführungszeichen) gibt und der Priester (ohne Anführungszeichen) an den Opfern vorbeigeht (wie man das in Anlehnung an das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter formulieren könnte). Wir haben dadurch zwar etliche ehrliche Freunde gefunden. Aber die Tjost, die von den „also: Weimarern“ gegen den Einzug der Hochkultur in die Gemeindearbeit geritten wurde, konnten wir gegen die Widerstände auch des Klerus nicht aufhalten. Denn leider ist auch der Weihbischof unseres Bistums ein waschechter „also: Weimarer“ und man wurde immer den Verdacht nicht los, daß auch von dieser Seite her immer schon jemand auf der Bremse stand. Nicht nur, daß er sich beim Verbot der Kinderschola und dem Hintertreiben einer Singspielaufführung zur RKW-Wallfahrt 2012 von den schlimmsten „also: Weimarern“ vor den Karren spannen ließ.

„Keine Kinderseelsorge im Sinne der Pfarrei“: Am 6. März 2012 sammelte eine führende „also:Weimarerin“ im Beisein des Wb, aber unter Ausschluß der Öffentlichkeit zwei Drittel des PGR hinter sich, um die Kinderschola (heute Cäcilini) zu verbieten.  Das Werbeplakat einer geplanten Aufführung zum RKW-Jahresthema „Rut“ verschwand auf Nimmerwieder-sehen (eigenes Bild)

Sondern da mochte er auch zum Kirchweihjubiläum, an die Adresse der beiden auf der Orgelempore in Deckung gegangenen Meßbesucher gerichtet, die reine Freude über ein schönes neues Instrument – die Franz-Liszt-Gedächtnisorgel – anmahnen soviel er wollte. Über die Vision Professor Kapsners, Liszts liturgisches Werk wieder in Sonntagsmessen zu integrieren – die Vision also, die am Beginn der Planung der neuen Orgel stand  – machte seine Bemerkung die Runde: Naja, es müsse ja nicht jede Messe ein Konzert sein. – Nein? Wer sagt? Erinnern wir uns zum einen, was den Ehrenamtspreis unseres Pfarrsekretärs unlängst begründet hat. Und fragen uns zum andern, ob man da die Gesamtgemeinde von Herz Jesu Weimar nicht womöglich (inzwischen?) falsch einschätzt. Ich habe noch keine Messe hier erlebt, in der ein durchgearbeitetes Orgelnachspiel von wem auch immer nicht mit dem Applaus von mindestens der Hälfte der Meßbesucher belohnt worden wäre, die eigens zum Zuhören in den Bänken sitzen geblieben waren.

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

„also: Weimarer“ – Teil II

Jetzt wirklich Gedanken über das Zitat zum Tage (zum 3. Oktober 2020)

Liebe Leser – ich weiß, ich habe Sie lange warten lassen, bis ich nun, nach gut vier Wochen, endlich das Rätsel um den letzten PuLa-Beitrag vom 3. Oktober 2020, dem 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, auflöse. Ich habe seither einfach nochmal sehr viel über die nun folgenden Texte nachgedacht und sie immer wieder überarbeitet.

Sie werden es inzwischen selber bemerkt oder im Interview nachgehört haben: Am 3. Oktober habe ich – sagen wir: Ihre Ortskenntnis ein wenig herausgefordert 😉 ; mit einem angeblichen Interviewbeitrag unseres Pfarrers nämlich. Wobei ich das genauer formulieren muß: Weder das Interview noch die zitierte Frage der Redakteurin, wie sich „die kirchliche Situation verändert“ habe „in den letzten Jahrzehnten, seit es die DDR nicht mehr gibt“, sind erfunden. Auch die von mir geschilderten Inhalte nicht. Alle Personen und ihr Engagement, von dem ich im letzten PuLa-Beitrag geschrieben habe, kenne ich persönlich und kann alles bezeugen. Aber Pfarrer Gothe hat kein Wort darüber verloren. Und wie ich aus einer Email weiß, haben nicht alle Leser des Textes vom 3. Oktober sofort geschmunzelt und gedacht: ‚Das hat er doch nie im Leben gesagt.‘

Hat er ja auch wirklich nicht. Aber ist das nicht seltsam? Warum mußte ich die Schilderung und vor allem die Begeisterung eines Ortsgeistlichen über ein reiches ehrenamtliches Engagement in seiner Pfarrei hinzuerfinden? Ist denn nicht ein Hinweis auf genau dieses Engagement hochgebildeter und gut situierter Pensionäre, die sich für eine Wahlheimat Weimar entscheiden und hier im Alter noch einmal Fuß fassen wollen; ist nicht ein Hinweis auf genau dieses Engagement der kulturell interessierten Zugezogenen, die hier Familie gründen oder ihre Kinder großziehen – ist nicht ein solcher Hinweis exakt die Antwort auf eine Frage nach der Entwicklung der Weimarer Pfarrei – und wohl tatsächlich besonders der Weimarer Pfarrei – nach der Wende? Sie sagen es: Na klar ist er das. Um selber heimisch zu werden und vor allem ihren Kindern eine Heimat zu schaffen, war (woher das Präteritum kommt, erklären wir in den folgenden Beiträgen genauer) die Bereitschaft vieler Zugezogener zur aktiven Mitwirkung am Gemeindeleben eine Zeitlang sehr hoch. Und gerade am Gemeindeleben: Denn anders als in Sport- und Musikvereinen wird hier nicht nach Alter oder Geschlecht sortiert, sondern die ganze Familie, jeder Mensch kann „von der Wiege bis zur Bahre“ hier dazugehören. PuLa hat das schon einmal reflektiert.

Eine riesengroße Verantwortung, aber eben auch eine wunderschöne Aufgabe, die auf den Kirchgemeinden überall auf der Welt ruht: Heimat für Fremde zu werden, Beheimatung von Zugezogenen zu ermöglichen (und welche Pfarreien könnten das besser ermessen als die katholischen Pfarreien Mitteldeutschlands, die vor zwei-drei Generationen durch den Zuzug so vieler Vertriebener erstarkten?). Gerade für die Weimarer katholische Gemeinde war die Integrations- und Leistungsbereitschaft der vielen nach der Wende aus intensiver katholisch geprägten Gegenden der alten Bundesrepublik Zugezogenen natürlich vor allem eine riesengroße Chance.

Aber wie ist es all diesen Menschen ergangen?

Das Frappierende an der Interviewpassage, dem Ausgangspunkt der vorliegenden PuLa-Reihe (ab etwa Minute 7:10), ist, daß unser Pfarrer auf die Frage nach der kirchlichen Situation „seit es die DDR nicht mehr gibt“ noch einmal ausführlich mit den Vertriebenen anfängt (über deren Rolle zur Gründung neuer katholischer Pfarreien im Kernland der Reformation nach dem Zweiten Weltkrieg er zuvor bereits minutenlang geredet hat) und schließlich zusammenfaßt: „Wir haben hier eine Gemeinde, in der ganz stark diese Vertriebenengeneration auch da ist und ihre Kinder – also: Weimarer, aber auch eben viele Zugezogene, die sich hier mit einbringen und die das hier ganz ganz bunt und vielfältig machen.“ (Minute 8:25-42).

„Weimarer“ hier – „bunt“ da: Ich finde, besser kann man ein Ausstehen des Zusammenwachsens und mangelnde Integration kaum formulieren. Und weil das so intuitiv herauskommt – hier war kein strategischer Sprecher am Werk – und doch die Sache so perfekt auf den Punkt bringt, deshalb möchte ich eben diese Passage im Kontext des 3. Oktober 2020 diskutieren.

Die Tatsache, daß Herz Jesu Weimar noch strikt nach der von Frau Prof. Dr. Widl schon vor knapp zehn Jahren kritisierten „Dorflogik“ funktioniert, wird hier sehr anschaulich: „Die bislang weit verbreitete Gemeindestruktur im Sinne der Dorflogik ist hingegen die des Clans, in der wichtige Leute über unwichtigen Leuten stehen und vorgeben, wo es lang geht. Die Qualität und Anziehungskraft einer christlichen Gemeinschaft hängt heute hingegen wesentlich von den Mitgliedern selbst ab.“ (Maria Widl im Interview mit Eckhard Pohl, Tag des Herrn Nr. 7 vom 13. Februar 2011)

Kommunikation und Integration

Aber wie geht sowas denn auch eigentlich – Integration? Ich bin mit dem vorübergehenden Abklingen von Coronaverboten zu einem Weimarer Verein hinzugestoßen, in dem das verblüffend unkompliziert gelebt wird, die Integration neuer Mitglieder. Es gibt einen E-Mailverteiler, über den die organisatorischen Ansagen laufen, die Links, Corona-Belehrungen und Anhänge. Dort rutscht man mit Anmeldung automatisch hinein. Des weiteren gibt es eine WhatsApp-Gruppe, in der neben offiziellen Hinweisen auch persönlichere Anliegen gepostet werden können. Wenn man möchte, wird man auch hier hinzugenommen und mit jeder Menge niedlicher Willkommensemojis aller möglichen anderen Vereinsmitglieder empfangen. Und es gibt einen Chat, bei dem allein der ausbleibende Widerspruch reicht, um aufgenommen zu werden und wirklich persönlichen Anschluß zu finden. Hier werden gemeinsame Unternehmungen geplant; es regnet Fotos, Memes, persönliche Erinnerungen und Kommentare. Und dann beginnt sogar ein Telefonmuffel wie ich privat jemanden anzurufen. Der Leiter der Gruppe hat mit der Organisation dieser Kommunikation und Integration übrigens keinerlei Arbeit, er nutzt die Verteiler einfach mit für seine Ansagen und Hinweise. Es organisiert sich wie beschrieben selber, nachdem ein Vorstandsmitglied die entsprechenden Adressen der Neuzugänge in die jeweiligen Verteiler eingegeben hat. Wie schon einmal beschrieben, handhaben es die Cäcilini seit der „Rut“-Aufführung 2015 ganz genauso. 

Kommunikation und Integration in Herz Jesu Weimar

Wie Sie wissen, hat man von solcherart Vernetzung und Ermöglichung von Austausch und Kommunikation auch schon in unserem bischöflichen Ordinariat gehört und sich nach reiflicher Abwägung entschlossen, den datenschutzkonformen Messengerdienst Threema für alle Ehrenamtlichen des Bistums Erfurt kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Wie Sie sich weiterhin erinnern werden (PuLa berichtete), wurden den Ehrenamtlichen in Herz Jesu Weimar diese neuen Möglichkeiten von den Hauptamtlichen verschwiegen und noch auf Nachfrage nicht nur nicht weitergereicht, sondern diese Vernetzung ganz offiziell abgelehnt und damit unterbunden. Und da offensichtlich auch niemand aus dem Kirchortrat Interesse hat, an dieser Stelle effektiv nachzuhaken und uns unser Recht notfalls zu erstreiten, läuft diese sinnvolle und lobenswerte Initiative der Bistumsleitung in unserer Pfarrei ins Leere. Auch sie kann daher dem Mißstand keine Abhilfe schaffen, daß es in Herz Jesu Weimar etliche kleine und durchaus aktive Freundeskreise gibt, die aber alle sehr geschlossen sind und nichts von den Wünschen, Ideen und Initiativen der anderen wissen (können). Hier Synergien zu nutzen, ist schlichtweg unmöglich. 2018 wurde als letzte Gelegenheit, von den andern zu hören, auch noch die jährliche Gesprächsrunde der ehrenamtlichen LeiterInnen von Gruppen und Kreisen eingestellt.

Dabei bräuchten wir im Gemeindeleben von Herz Jesu Weimar eine organisierte Vernetzung so dringend wie das tägliche Brot. Denn im Sinne von 1Kor 12 – im Sinne des einen Leibes und der vielen Glieder, im Sinne verschiedener Charismen – muß die Integration der Zugezogenen gerade aus den alten Bundesländern m.E. und zu meinem wirklich wahnsinnig großen Bedauern wohl tatsächlich als gescheitert betrachtet werden.

Das nehmen wir jetzt mal symbolisch. Vertriebene und „also: Weimarer“: Unsere Kirche öffnet sich nach Osten. Herz Jesu Weimar in der Morgensonne (Bild: wikimedia commons; User: H. Helmlechner hat es um 10.23 Uhr im August 2020 aufgenommen)

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

„ … also: Weimarer“

Gedanken über das Zitat zum Tage

„… also: Weimarer“. Es ist das Zitat zum heutigen Tage, wenn es um die Weimarer katholische Gemeinde und die Frage nach Wiedervereinigung und Zusammenwachsen geht. Es stammt von unserem Pfarrer, ist anderthalb Jahre alt, öffentlich geäußert und ging mir schon im vergangenen Jahr häufig durch den Kopf. Es ging mir durch den Kopf, als ich zum Gemeindefest im Juni 2019 im Pfarrgarten am Infostand der „Cäcilini“ saß und mich umschaute. Es ging mir durch den Kopf, als Journalisten im Deutschlandfunk im Vorfeld der drei mitteldeutschen Landtagswahlen über „die Menschen in den neuen Bundesländern“ räsonierten. Und es ging mir durch den Kopf, als um den 9. November 2019 herum – da hatten wir ja schon mal eine 30-Jahr-Feier – Gregor Gysi im Bundestag noch einmal ans Rednerpult trat, um festzustellen, daß „die Schere zwischen Ost und West“ wieder weiter auseinandergehe.

„… also: Weimarer“: Worum geht es? Anläßlich des Gottesdienstes, den Radio Horeb am 10. März 2019 aus Weimar überträgt, ist Herz Jesu Weimar auch Pfarrei der Woche und unser Pfarrer bekommt im Rahmen eines Interviews eine Dreiviertelstunde Redezeit im Radio. Zunächst muß er über Goethe reden und über Historisches, über das Verschwinden des katholischen Ritus im Kernland der Reformation und über sein Wiedererstarken seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Soldaten. Arbeiter. Liszt. Und dann natürlich die vielen Vertriebenen. Es ist ein bißchen mühsam. Woher soll ein Pfarrer das alles wissen? Um Minute 7:10 herum fragt die Redakteurin endlich nach der Rolle der Wessis. So formuliert sie es natürlich nicht. Sondern sie fragt, wie die Situation sich entwickelt habe in den letzten Jahrzehnten, seit es die DDR nicht mehr gibt.

Da blüht unser Pfarrer plötzlich auf. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Jetzt hat er sicheren Boden unter den Füßen. Das hat er ja selber erlebt, da ist er zuhause. Und was er nicht mehr erlebt hat, hier in seiner Pfarrei, davon hat man ihm vorgeschwärmt. Wie der Generalmusikdirektor der Staatskapelle Vorträge hielt über die Sinfonien von Gustav Mahler. Dazu hatte der GMD gerade ein Buch herausgebracht. Wie eine junge österreichische Habilitandin an der Universität Erfurt einen Bibelkreis ins Leben gerufen hat, der bis heute existiert. Wie ein aus Passau gebürtiger Orgelprofessor Jahre daran gesetzt hat, um unserer Kirche eine neue Orgel zu schenken – ein Millionenobjekt! – eine Orgel, maßgeschneidert auf das Werk Franz Liszts, Franz Liszt, das habe er, der Pfarrer, ja schon erzählt, welche Rolle dieser weltgewandte Komponist für die Weimarer Pfarrei gespielt hat, und da sollen doch seine liturgischen Werke auch endlich hier in Weimar wieder zu Gehör kommen. Einfach in den Messen – ist das nicht toll? Jeder Sonntag ein Konzert! Und der Präsident der Klassikstiftung! Der ist nämlich auch katholisch. Der hat ihn durch einen Vortrag zum Kirchweihjubiläum überhaupt erst auf die Idee zu seinem monatlichen Herz Jesu Lobpreis gebracht. Phantastische Leute, hier! Pensionierte Lehrer, die Lituratur- und Lesezirkel anbieten; eine ehemalige Gymnasialdirektorin gar – unterrichtet Latein. Alles ehrenamtlich! Kultur und Bildung für alle! Seinen Kirchenchor leitet seit einigen Jahren ein ehemaliger Regensburger Domspatz, das soll die Redakteurin sich mal vorstellen – dieses Wissen, diese künstlerische Kompetenz, diese liturgische Sicherheit, die dieser Mann vermitteln kann und die ihm, dem Priester, natürlich in den großen Festmessen unglaublich den Rücken frei hält! Überhaupt – Singen! Da ruft eine Mutti endlich einmal wieder eine Kinderschola ins Leben – und statt nur die RKW-Lieder durchzusingen, beginnt sie zu komponieren! – Einfach so? wirft die Redakteurin ein. Einfach so, antwortet der Pfarrer, soweit er weiß! Nach ein paar Jahren führt sie zu den Gemeindefesten Singspiele mit den Kleinen auf und veröffentlicht ihre Werke. – Was für ein Identifikationsangebot für die ganze Pfarrei! Sagt die Redakteurin. – Das könne sie laut sagen, sagt der Pfarrer. Von ihrem Krippenspiel 2016 reden die Menschen heute noch. Aber Komponisten habe er ja ohnehin so viele hier in der Pfarrei! Das Weihnachten drauf – Alphornmesse! Ob die Redakteurin schon mal ein Alphorn gesehen habe? Ein riesen Teil! Irre! Aber das nur nebenbei. Studierte Sängerinnen gründen Jugend- und Kinderchor und gewinnen regionale Wettbewerbe mit der Gruppe. „Goldkehlchen“. Eine Dame leitet bestimmt 15 Jahre hindurch einen Seniorenkreis, der jede Woche Konzerte, Vorträge und anderes Programm bietet. Eine Wahnsinnsleistung! Strahlt natürlich weit in die evangelische und sogar in atheistische Welt hinein, da treffen sich nicht nur Katholiken! Ja! Und dann natürlich die Mütter, die die religiösen Kinderwochen betreuen und in ihren Wohngebieten große Gruppen von Sternsingern um sich scharen. Unverzichtbar. Eine Gewandmeisterin des Theaters näht mit einer Gruppe von Freundinnen jedes Jahr neue Sternsingergewänder. Wie die Könige sehen Kinder aus – wirklich wie die Könige!

Die Redakteurin muß den Pfarrer langsam bremsen. Die Sendezeit! Alles Ihre Pfarrkinder? fragt sie abschließend. – Alles meine Pfarrkinder! antwortet der Pfarrer stolz. – Und alles Zugezogene? – Aus den alten Bundesländern! – Ehrenamtlich tätig? – Alle ehrenamtlich tätig! – Meine Güte! Da sei er aber gesegnet! In anderen Pfarreien sei man froh, wenn man einen Taizéabend auf die Beine stellt … – Das haben wir hier außerdem! sagt der Pfarrer. Da mache er selber mit. Aber er sei den andern unendlich dankbar, daß sie so viele Bereiche für die Gemeinde abdecken. Er habe ja schon gesagt: Weimar wächst. Zwei Hochschulen am Ort! Und die Leute pendeln von hier auch nach Erfurt und Jena. Und die ganzen Professoren und Ministerialen – die setzen sich ja nicht alle unbedingt nur in so eine Meditation. Taizé sei ja schon sehr speziell, das liege nicht jedem. Da müsse er auch etwas anderes anbieten, um diese Leute und ihre Familien einzubinden. Denn die Kontakte, die diese Leute einfach auch haben! Es wäre wirklich eine Sünde, wenn er das für seine Pfarrei nicht zu nutzen wisse! Und darüber hinaus seien das ja die Leute in einem Alter, wo auch Schulkinder in den Familien da sind. Kinder und Jugend – die Zukunft jeder Pfarrei! – Na, wenn Sie das so managen, sagt die Redakteurin, – dann haben Sie Ihrem Bischof ja wirklich nicht zuviel versprochen, als Sie ihm sagten, daß Sie sich Weimar zutrauen!

 

Cornelie Becker-Lamers

„ … and grace my fears relieved”

Deutschland singt. Auch in Weimar

„Ihr habt erreicht, worauf wir noch so schmerzlich warten müssen“, sagten die beiden Südkoreaner, die gemeinsam in einem Wohnheimzimmer im Münsteraner Wasserweg 70 lebten. Ich wohnte auf demselben Flur und wir unterhielten uns über den Mauerfall. Das war in der Folge des 9. November 1989. Die meisten Emotionen verbinden sich mit diesem Tag. Es hätten ihn ja auch alle gern als Tag der Deutschen Einheit gehabt. Aber wir wissen ja, warum wir dieses Datum nicht auswählen konnten. Selbst schuld …

Jetzt haben wir also den 3. Oktober. Und auch wenn er als Datum von Anschluß oder Beitritt statt Wiedervereinigung in etlichen Menschen einen schweren Weg durch die 90er Jahre in Erinnerung ruft, scheint doch letztlich die Dankbarkeit über die veränderten Lebensmöglichkeiten zu überwiegen.

Den 9. November dürfen wir als Datum nur vielfältig begehen, nicht unbeschwert feiern. Mit dem 3. Oktober verbinden wir emotional nicht so wirklich etwas. Und so ist schon was dran, wenn die treibenden Kräfte hinter der „Initiative 3. Oktober“ als Aufmacher ihrer Internetseite feststellen:

Die Wiedervereinigung Deutschlands ist in ihren Geschehnissen einmalig und nicht nur von nationaler Bedeutsamkeit.

In den meisten Ortschaften und Städten gibt es allerdings bisher keine öffentliche Feiertradition der Bevölkerung – der 3. Oktober als Nationalfeiertag wird so gerade von der jungen Generation kaum mehr in seiner Bedeutung wahrgenommen.

Mit Unterstützung eines Vereins und gefördert durch die Bundesregierung tritt unter der Schirmherrschaft des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland und des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland der Bundesverband Chor & Orchester e.V. als Projektträger eines Open-Air-Feier-Abends am 3. Oktober 2020 auf. Denn das Projekt lebt weitgehend vom gemeinsamen öffentlichen Singen. Verschiedene Szenarien auf der sehr professionell gemachten Homepage der Veranstaltung sehen auch das Singen von den Balkonen während eines möglichen Totalverbots allen Zusammenkommens vor. Aber danach sieht es ja glücklicherweise nun nicht mehr aus.

Die Evangelische Allianz Weimar hat sich Anfang September ebenso kurzfristig wie mutig entschlossen, auch für Weimar die Teilnahme am deutschlandweiten Projekt zu ermöglichen. Die ACHAVA Festspiele Thüringen waren schnell ins Boot geholt – hatte doch Martin Kranz zum 9. November 2019 im Gewölbekeller unserer Stadtbücherei bereits eine Veranstaltung mit Film, Zeitzeugen und moderierter Diskussion angeboten. Und durch seinen Vater ist er zum Zeitzeugengespräch prädestiniert.

Über einen kurzen Umweg gelangte die Pressemitteilung in mein Emailpostfach, und da ich die Hauptorganisatorin, die Geigerin Ulrike Zinke, seit 15 Jahren kenne, erkundigte ich mich bei ihr, ob und wenn nein, warum nicht auch Vertreter der katholischen Pfarrei bei dem von „unterschiedlichen christlichen Gemeinden Weimars“ umgesetzten Vorhaben mit von der Partie seien. Die Lösung war einfach: Die Vorbereitungszeit war zu knapp gewesen. Sie hatte nur geschafft, in unserem Pfarrsekretariat einen Stapel Einladungskarten auf den Schreibtisch zu packen. Diese Karten hatten es in der Folge zwar in den Aufsteller des Kirchenvorraums, die Veranstaltung aber weder in die Dienstberatung, noch in die Vermeldungen oder das Pfarrblatt geschafft.

Aber wie es in unserer Pfarrei so ist – wenn eine Sache nicht zentral organisiert wird, läuft sie über persönliche Kontakte. Bekanntlich ist Weimar ein Dorf. Damit allerdings nicht wieder nur einer der kleinen Freundeskreise unserer Pfarrei, den ich an den zwei verbleibenden Tagen auf die Schnelle motivieren kann, als Vertretung unserer Gemeinde am

3. Oktober ab 19 Uhr auf dem Weimarer Marktplatz

erscheint, formuliere ich hier die herzliche Einladung an Sie alle, sich dem DIY-Open-Air-Konzert anzuschließen.

Auch wenn Weimar zwischen Erfurt und Jena auf der Landkarte der Initiative noch nicht verzeichnet ist: Wir sind dabei! Herzliche Einladung zum 3. Oktober 2020 ab 19 Uhr auf dem Weimarer Markt (eigenes Bild)

Die Lieder sind erstaunlich publikumsfreundlich ausgewählt (der Unterton dieser Formulierung rührt von unseren Erlebnissen am vergangenen Wochenende hier, als anläßlich der Firmung unseres Patenkindes in einer Dresdener Kirche eine Jugendband nicht enden wollende Lieder vortrug, von denen die Firmlinge hinterher selber sagten, sie kannten sie alle gar nicht. Das passiert Ihnen am 3. Oktober zuverlässig nicht.) Denn bei der Weimarer Auswahl aus den per Video-Tutorial vorgeprobten Vorschlägen handelt sich um „Dona Nobis Pacem“, „Nun danket alle Gott“, „Amazing Grace“ (aus dessen zweiter Strophe ich den Titel dieses Beitrags entnommen habe), „Über sieben Brücken mußt du gehn“, „Die Gedanken sind frei“, „Hevenu Shalom Alechem“, „Von guten Mächten“ und als Zugabe das wunderbare Abendlied von Matthias Claudius, „Der Mond ist aufgegangen“. Eigens für Weimar haben sich die Musikerinnen sogar noch für „Großer Gott wir loben Dich“ entschieden. Da ein professionell geleiteter Projektchor unter Claudia Zohm einen starken Kern von Sängerinnen und Sängern bilden wird, stelle ich mir das Singen in den drei- oder vierstimmigen Sätzen sehr schön vor. Und wir können es, nach der langen Zeit der Verbote, alle brauchen!

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Wer nicht kommen kann, kann sich übrigens per Livestream zuschalten. Es ist wirklich an alles gedacht.

PPS: Bringen Sie eine Kerze mit, sagen die Veranstalter. Und haben Sie bitte zur Not eine Mund-Nasen-Bedeckung in der Hosentasche – natürlich ging es wieder nicht ohne irgendwelche „Hygienekonzepte“ 🙄 .

Wir gratulieren!

Unser Pfarrsekretär wurde als ehrenamtlicher Musiker ausgezeichnet

Wenn Sie im Pfarramt von Herz Jesu Weimar anrufen, eine Chorprobe absagen und schlagfertig in gespielt bierernstem Ton zur Antwort erhalten: „Gut! Ich singe selber!“ – dann haben Sie zweifellos Herrn Thomas Grubert am Apparat, seit 2015 unverwüstlicher Pfarrsekretär unserer Gemeinde. „Lieber Gott! Verleih mir Geduld. Aber zackig!“ ist nur eines der kleinen Spruchtäfelchen, mit deren Lektüre ein etwa wartender Besucher sich seither in unserem Pfarrbüro die Zeit vertreiben kann. Das Schild „Ich war’s nicht!“ ist eigentlich immer aufgebaut. An der Wand hängt neben einem künstlerisch modern gehaltenen Triptychon in expressiver Farbigkeit die Urkunde über eine Auszeichnung des wöchentlichen Pfarrblättchens, dessen Erstellung selbstverständlich ebenfalls unserem Sekretär obliegt. Und wer das Auge durch den Raum schweifen läßt, kann auch die beleuchtbare Büste des „fünften Evangelisten“, Johann Sebastian Bachs nämlich, kaum übersehen, die seit Herrn Gruberts Walten in unserem Pfarrbüro die tiefe Fensternische ziert und uns bei der musikalischen Mitmachaktion „Bach in the stairways“ 2016 auch bereits wertvolle Dienste in einer themenorientierten Dekoration geleistet hat.

Herr Grubert ist nämlich eigentlich Musiker. Kein Berufsmusiker. Aber Musiker. Von daher ist das „Ich singe selber“ auch überhaupt nicht weit hergeholt. Alljährlich zu Fronleichnam ist er aus dem Projektchor am Hauptaltar nicht wegzudenken. Aber er singt nicht nur selber. Er dirigiert auch und leitet im Landkreis mehrere Chöre. Wer im Jahr 2017 unser Gemeindefest besucht hat, erinnert sich vielleicht noch, ihn am frühen Nachmittag zu einem Orgeleinsatz auf der Empore unserer Pfarrkirche gehört zu haben.

Regelmäßiger und ausgiebiger als in Herz Jesu Weimar, wo er musikalische Aktivitäten in der Regel nur nach Kräften unterstützen kann, lebt Thomas Grubert sein musikalisches Ich im Kirchspiel Donndorf aus. Als ehrenamtlicher Organist begleitet er in Eckolstädt, Schmiedehausen und Münchengosserstädt und eben Donndorf Sonntagsgottesdienste und beschert der Gemeinde jedes Mal „ein kleines sonntägliches Konzerterlebnis“.

Das glaube ich, obwohl es in der Zeitung stand 😉 . Unter dem Titel „Organist mit Leib und Seele“ berichtete unser Lokalblatt über die Preisverleihung des 13. Alexander-Wilhelm-Gottschalg-Preises 2020 des Weimarer Landes an – Thomas Grubert! Den Preis erhält, wer sich in besonderer Weise um die Kirchenmusik im Landkreis verdient gemacht hat. Die Preisverleihung fand bereits am 24. August statt. Insofern kommt unsere öffentliche Gratulation sehr sehr spät (mit einer Email war ich weitaus schneller). Aber besser spät als nie.
Schließlich dokumentieren wir sehr gern, daß in Weimar sogar die Pfarrsekretäre besonders sind, wenn man sie läßt.

Wir klopfen Herrn Grubert hiermit also symbolisch auf die Schultern und freuen uns von Herzen mit ihm über diesen sicherlich hochverdienten Preis. Er werde die Auszeichnung als Schwung mit in die nächsten Jahre nehmen, wird der Preisträger in der TLZ zitiert. In den Mühen einer coronagemaßregelten Gemeindearbeit kann das zur Zeit nur gut für alle sein!

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Für den Bachliebhaber, Enjoy! 🙂